„Alles sollte neu gedacht werden.“

spiekermann.com

Herr Spiekermann, was ist „Bauhaus“ an den Schriftschätzen von Joost Schmidt, Schawinsky und Co.?

Der Ansatz, alles neu zu erfinden. Den Bauhäuslern war es suspekt, dass wir ein Schriftsystem benutzen, das fast 2000 Jahre alt ist.

Wenn Schrift Kultur ist, was sagen ihre Ansätze über die damalige Zeit aus?

Alles sollte neu gedacht werden. Die bestehende Kultur war bürgerlich, rückwärtsgewandt und hatte die Katastrophe des Ersten Weltkrieges nicht verhindert. Also musste eine neue Kultur geschaffen werden.

War die Arbeit mit den Fragmenten der Bauhaus-Meister mehr Archäologie oder kreativer Prozess?

Beides. Bei allen Arbeiten mit historischen Quellen muss man raten, was damals wohl die Absicht war, was technisch nicht besser ging und was der/die Entwerfer*in vielleicht nicht besser konnten. Dann übertragen wir diese Gestaltungsabsicht in die neue Technik, die auch ihre eigenen Gesetze hat und dementsprechend eine Handschrift. Das Ergebnis ist dann hoffentlich, was die damaligen Kolleg*innen mit den heutigen Werkzeugen gemacht hätten.

Die größte Herausforderung?

Genau das: das ursprüngliche Konzept in die neue Technik bringen; es nicht inhaltlich zu ändern, sondern nur technisch anzupassen. Handwerkliche Fehler der damaligen Entwerfer mussten wir ausbügeln. Weil weder die Studenten noch die Lehrer erfahrene Schriftentwerfer waren, stimmte zum Beispiel der Horizontalkontrast oft nicht. Die waagerechten Striche waren genauso fett gezeichnet wie die senkrechten, wirkten also fetter. Runde Formen hatten den gleichen Durchmesser wie eckige, obwohl wir wissen, dass ein Kreisbogen etwas höher sein muss als ein gerader Linienabschluss.

Ähnliche optische Phänomene gibt es an den Kreuzungen mehrerer Striche, wo Flecken entstehen und bei diagonalen Strichen, die mal leichter, mal fetter als waagerechte oder senkrechte wirken können. Das alles mussten unsere Schriftgestalter korrigieren, sonst wären die neuen Fonts heute nicht brauchbar.

László Moholy-Nagy, Abbildung zu „Zeitgemäße Typographie - Ziele, Praxis, Kritik”, in: Gutenberg-Festschrift, Mainz 1925.
Gutenberg-Museum
László Moholy-Nagy, Abbildung zu „Zeitgemäße Typographie - Ziele, Praxis, Kritik”, in: Gutenberg-Festschrift, Mainz 1925.

Worin liegt die aktuelle Relevanz der entstandenen fünf digitalen Schriften für Gestalter 2019? Hat Sie einer der Typo-Visionäre besonders fasziniert und warum?

In der Auseinandersetzung mit Formen, die wir als gesetzt und unabänderlich ansehen. Unser Alphabet, also das lateinische, unterliegt Gesetzmäßigkeiten, die zum Teil historischer, zum Teil optischer und zu einem erheblichen Grad technischer Natur sind. Da sich sowohl die Technik als auch die Geschichte ständig bewegen, ist es nötig, diese Gesetzmäßigkeiten zu hinterfragen. Das ist heute genauso wichtig wie vor 100 Jahren.

Die Vorlagen waren nicht vergleichbar, weil einige fast alle Buchstaben des Alphabetes gezeichnet hatten, während es von anderen Studenten nur Drucksachenentwürfe gab mit wenigen handgemalten Zeichen. Diese wirken stimmig in ihrer Anwendung, mussten jedoch nicht den Nachweis erbringen, dass sie für eine richtige Druckschrift taugten. Die fette Plakatschrift von Alfred Arndt war so ein Ansatz mit ganz wenigen Versalbuchstaben. Celine Hurka gelang es, das Konzept zu Ende zu denken und daraus eine funktionierende und ganz eigene Plakatschrift zu entwickeln.

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Vielen Dank für das Gespräch, Herr Spiekermann.

bauhaus – form und reform

Mainz | Ausstellung | 15.9.19 bis 19.1.20

"Bauhaus – Form und Reform" im Landesmuseum Mainz stellt die Bauhaus-Idee anhand ausgewählter "Dinge des Alltags" nach Entwürfen von Bauhaus – Meistern und Schülern vor.

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