Modernistische Idylle in einer erodierenden Stadt

James Haefner

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Man hat die städtebauliche Entwicklung von Detroit mit der Wirkung einer Atombombe verglichen, die über dem Zentrum der Stadt ausgeklinkt worden wäre, nur dass sich die Verheerungen ihrer Explosion wie in Zeitlupe über Jahrzehnte abgespielt hätten. Die einstige Industriemetropole ist heute eine verwüstete Pleitestadt: Mitten im Zentrum liegen massenhaft Brachflächen und verlassene Häuser, das öffentliche Nahverkehrssystem ist marode und der monumentale Bahnhof steht inzwischen ohne Funktion in einer innerstädtischen Wüstenei.

Doch nicht ganz Detroit ist ein Ort der Tristesse. Nein. Es gibt eine Enklave in all diesem Elend. Die Gegend heißt Lafayette Park und wurde geplant von Ex-Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe und Ludwig Hilberseimer, seinem damaligen Kollegen für Städtebau in Dessau. Die Grünplanung besorgte Alfred Caldwell, der ebenso wie Hilberseimer in den 50er Jahren ein Mitarbeiter von Mies am Illinois Institute of Technology (IIT) in Chicago war. In Lafayette Park erscheint die Moderne – heute von vielen verteufelt und als gescheitert klassifiziert – als funktionierende Idylle inmitten einer erodierenden Stadt.

Gebaut wurde das 31,7 Hektar große Areal gleich neben Downtown Detroit ab 1956 im Auftrag des Projektentwicklers Herbert Greenwald, der mit Mies schon zuvor bei den Lake Shore Drive Apartments in Chicago zusammengearbeitet hatte. Die komplette Planung des modernistischen Dreamteams Mies-Hilberseimer-Caldwell ist nie verwirklicht worden – Greenwald starb 1959 bei einem Flugzeugunglück und danach traten andere Projektentwickler auf den Plan.

Bis 1963 realisierte Mies in Lafayette Park zwei 22-stöckige Hochhäuser mit Mietwohnungen sowie 186 ein- und zweigeschossige Townhouses, die privat verkauft, aber genossenschaftlich verwaltet werden. Seit 2015 existiert für die Anlage Denkmalschutz als „eine der ersten, umfassendsten und erfolgreichsten Stadtsanierungsprojekte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts“. Denn die Existenz von Lafayette Park ist das Ergebnis einer Kahlschlagsanierung – zuvor existierte hier ein dicht bebautes Slumviertel mit einer überwiegend schwarzen Bevölkerung.

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Die neue Anlage von Lafayette Park ist hingegen von Mies’ fließenden Raum beeinflusst und nimmt vieles von Hilberseimer Idee einer „New City“ auf: So ist die städtebauliche Struktur völlig vom Durchgangsverkehr befreit und die Bebauung wie in eine Parklandschaft hinein komponiert. Lafayette Park verbindet Wohnen, Erholung (Park), Bildung (Schule) und Einkaufen (Shopping Plaza); es gibt sogar einen eigenen Swimming Pool. Zum Arbeiten fährt man natürlich mit dem Auto nach außerhalb, irgendwo hinter den Bäumen, Autoschneisen und Bahntrassen, die das Areal umgeben und den Rest der Stadt auf Distanz halten. Kritiker sprechen deshalb von einem „Ghetto“, obwohl Lafayette Park eines der wenigen Gebiete von Detroit darstellt, das ethnisch durchmischt ist. Allerdings wohnt hier ausschließlich eine gutsituierte Mittelklasse, die sich diese Gegend leisten kann. Lafayette Park ist eine innerstädtische Suburbia um den Preis der Isolation von der umgegeben Stadt.

Jamie Schafer
Pavilion Phoenix

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Was in einer funktionierenden Stadt vielleicht ein Nachteil wäre, wird in Falle von Lafayette Park zum Vorteil. Inmitten einer desolaten Umgebung funktioniert die Siedlung gleichsam autark. Die Identifikation der Bewohner von Lafayette Park mit ihrem Wohngebiet ist daher groß. Das liegt auch an den inneren Qualitäten der Siedlung. Waren vor allem die gläsernen Hochhäuser nach ihrer Fertigstellung für die Bevölkerung zuerst Symbol für modischen Lifestyle, Prosperität und Fortschritt, so schätzen die Bewohner heute an Mies’ Gebäuden deren Neutralität, wie man in Interviews herausgefunden hat. Die Apartments der Lafayette Towers und in den Reihen- und Hofhäusern machen den Bewohnern wenig Vorgaben. In Mies’ Hochhäusern gibt es weite Ausblicke auf eine Stadt, die nur auf mittlerer Entfernung in Downtown mit ein paar Hochhäusern in die Vertikale tendiert.

Jamie Schafer
"Autumn bliss"

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Bei den niedrigen Townhouses von Mies geht der Blick nach draußen in eine Parklandschaft, denn individuell gestaltete Hausgärten, wie man sie sonst überall in der Stadt sieht, gibt es hier nicht. Mies’ bestimmt die Ästhetik, auch durch die Abwesenheit anderer Einflüsse – außer Rasen, Bäumen und einzelnen Hecken. Selbst die Autos sind auf ihren Parkplätzen im Boden versenkt und den Blicken entzogen. Lafayette Park ist also Planungsästhetik pur – und damit das glatte Gegenteil der partizipativen Planungsmodelle, wie sie derzeit gerade Mode sind. Und genau das scheinen die Bewohner zu schätzen. Zugleich ist Lafayette Park aber auch der Gegenentwurf zu einer als chaotisch apostrophierten Großstadt, die Hilberseimer mit rationaler Planung zur „New City“ umgestalten wollte. Auch solche Planstädte gelten heute gemeinhin als antiurban.

Herausgekommen ist bei Lafayette Park eine Art suburbaner Idylle, die zumindest das Bild einer „harmonischen Beziehung zwischen Menschen, Natur und Technik“ bietet, wie Hilberseimer es sich vorstellte. Allerdings mit Abhängigkeit vom Auto, ohne das man diese Insel der Seligen nicht verlassen kann – fehlt es doch am Anschluss an ein öffentliches Nahverkehrssystem.

  1. Unser Dank gilt Christian Unverzagt, James Haefner und Jamie Schafer für die freundliche Überlassung der hier verwendeten Bilder.