Was braucht die neue Frau?

Lichtbildwerkstatt Loheland / © Loheland-Stiftung Archiv

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Es ist natürlich kein Zufall, dass das Bauhaus und die Siedlung Loheland dieses Jahr ihren hundertsten Geburtstag feiern. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – der Krieg war zu Ende, die Monarchie zusammengebrochen – keimt die Hoffnung auf eine neue Zeit. 1919 gibt es eine unglaubliche Menge an Neugründungen von Schulen. Alle gehen der Frage nach, wie man Menschen so ausbildet, dass sie in der Lage sind, diese neue Zeit zukunftsfähig zu gestalten. Aber, während das Bauhaus sich fragte, was braucht der neue Mensch, fragten die Loheländerinnen spezifisch, was braucht die neue Frau? Loise Langgaard, eine der Gründerinnen, hatte eine künstlerische Ausbildung genossen und fühlte sich stark benachteiligt gegenüber ihren männlichen Kollegen. Sie hatte das Gefühl, sie kommt da nirgendwo rein – auch weil sie eine Frau war. „Mir schwebt eine neue Art von Künstlerinnen vor, nämlich Frauen, die ruhig und sicher in sich ruhen“, erklärte sie 1911 und nahm damit das Motto der späteren Loheland-Gründung vorweg. Hier sollten sich Frauen heranbilden, die in der Lage wären, ihr Leben eigenständig zu gestalten.

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Loheländerinnen am Eingang zur Waggonia, um 1928, Lichtbildwerkstatt Loheland

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Im Zentrum des Bildungskonzepts von Loheland stand die Gymnastik. Es ging dabei allerdings nicht um Bodyshaping im heutigen Sinne. Der Gymnastikunterricht verstand sich als umfassende Sinnesschulung. Auch das ist eine Parallele zum Bauhaus. Die Übungen sollten Frauen einen emanzipatorischen Weg aufzeigen. Wie beim Bauhaus lautete der Leitgedanke: Wie gestalte ich mein Leben in Verbindung zu Tieren, Pflanzen und zur ganzen Erde? Wir kennen ja die Bilder von Gymnastiktreibenden auf dem Dach des Bauhauses, aber in Loheland bildete dieser Bewegungsunterricht das Zentrum der Schule. Bei den Übungen kommt es nicht darauf an, etwa ein Bein zu beugen. Vielmehr steht der bewusst handelnde Mensch im Interesse. Ist er in der Lage, das Beugen bewusst wahrzunehmen? Kraft und Anmut sind dabei eher nebensächlich. Ziel der Gymnastik ist es, zu wissen, wie man sich ins Leben stellt. Und anders als beim Bauhaus wurden die Werkstätten und das bildkünstlerische Arbeiten in Loheland nur ergänzend zur Bewegungslehre eingesetzt.

Loheland-Stiftung Archiv
Tanz "Polka", Eva Maria Deinhardt, 1919-20

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Wie die Siedlung ihren Anfang nahm? Im Mai 1919 kauften Louise Langgaard und Hedwig von Rohden 540.000 Quadratmeter Wald und Acker am Fuße der Rhön und nannten es „Loheland“. Es gab dort keinen Strom und kein Wasser. Aber der Verein „Bund für klassische Gymnastik“, dem die beiden Frauen vorstanden, hatte lange vergeblich nach einem Gutshof gesucht, wo eine Schule eröffnet werden könnte, und so wurde die Gelegenheit genutzt. Zu jener Zeit zählte der Verein etwa 80 Frauen aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland. Das waren polyglotte Frauen aus bürgerlichen Verhältnissen. Diese Frauen haben auf dem lehmigen Acker ein Notwohnhaus aufgestellt und einen gymnastischen Übungsraum. Die Schülerinnen wurden in den umliegenden Bauernhöfen untergebracht, Dachkammern wurden angemietet und diese Stuben mit Erzeugnissen aus der eigenen Weberei und Schreinerei ausgestattet, denn den Loheländerinnen war wichtig, dass die Unterkünfte ihrer Schülerinnen einen bestimmten ästhetischen Anspruch erfüllten.

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Mitglieder des Leherinnenkollegiums am Eingang zum Rundbau, um 1926

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Nach 1934 gab es auf Loheland bereits mehr als 20 Häuser, die heute alle unter Denkmalschutz stehen. Das Gelände war auf 540 Quadratmeter erweitert worden. Die Frauen haben gemeinschaftlich gekocht, gegessen, gewaschen und nicht nur ihre Gymnastiklehrerinnen-Ausbildung gemacht: Auf Loheland wurde fotografiert, gewebt, getischlert, gedrechselt, getöpfert, es gab eine Korbbinderei, eine Gärtnerei, eine Lederwerkstatt und eine international erfolgreiche Hundezucht. Zudem haben die Frauen das komplette Gelände aufgebaut, knapp 500 Schülerinnen ausgebildet und ihre Erzeugnisse weltweit vertrieben, zum Beispiel auf der internationalen Kunstgewerbeausstellung in Monza.

Auch ihre Tanzgruppe hat Furore gemacht. Sie hatte Engagements in ganz Deutschland. Aufsehen erregten nicht nur die phänomenalen Kostüme, die die Loheländerinnen selbst gefertigt hatten, freizügige Kleider, gehäkelt aus Stroh, Bast, Papierkordeln und Lurex. Etliche Nachbildungen dieser Kostüme werden wir in der Ausstellung zeigen. Auf der Bühne arbeiteten die Frauen aber teilweise auch nackt.

Natürlich war Loheland eine Provokation. Für die allgemeine Landbevölkerung waren die Loheländerinnen Fremdkörper. Katholische Priester in der Region wetterten gegen die bösen Frauen, die mit bloßen Füßen über die Wiese schreiten oder nackt im Wald tanzten. Aber auch in den Großstädten stieß das Projekt auf ambivalente Reaktionen. Viele waren angezogen von diesem neuen, androgynen Frauentypus und studierten mit großem Interesse die amazonenhaften Tendenzen. Loheland bewies ja, dass es auch ohne männliche Führung ging. Auf der anderen Seite hagelte es Sätze wie: „Da muss ja wohl ein Mann her!“.

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Tanz " Rufen-Stimme des Frühlings ", Eva Maria Deinhardt, Edith Sutor, Berta Müller, um 1919-20
Lichtbildwerkstatt Loheland / © Loheland-Stiftung Archiv
Zimmer im Landhaus, eingerichtet mit Möbeln der Loheland-Schreinerei, um 1930
Lichtbildwerkstatt Loheland / © Loheland-Stiftung Archiv
Evahaus, um 1928

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Auf Loheland selbst gab es keine Vorschriften, wie man zu leben hatte. Ich gehe davon aus, dass es dort lesbische Beziehungen gab, auch wenn ich keine eindeutigen Belege dafür gefunden habe. Ansonsten waren alle Lebenskonzepte vertreten. Es gab verheiratete Frauen, alleinerziehende Mütter, kinderlose Frauen. Wichtig war nur, dass sie selbst entschieden, wie sie leben wollten.

Der Dogggenzwinger macht ein weiteres Prinzip deutlich: Hedwig von Rohden mochte Hunde. Louise Langaard hat ihr 1925 einen Welpen geschenkt. In Loheland galt: Wenn jemand Lust hatte etwas zu tun, dann sollte er dieser Sache mit vollem Herzblut nachgehen. Aus diesem Welpen ist also die preisgekrönte Loheländische Doggenzucht hervorgegangen. Eine der Doggen wurde sogar an den damaligen New Yorker Bürgermeister verkauft, die Presse berichtete ausführlich. Die Loheländerinnen haben für diesen Hund soviel Geld bekommen, dass man damit, laut eines Zeitgenossen, in Berlin-Mitte hätte eine Villa kaufen können.

1937 markiert einen Bruch in der Geschichte Lohelands. Als die Nationalsozialisten verlangten, bestimmte Inhalte verbindlich in den Lehrplan der Schule zu integrieren, wollte Hedwig von Rohden das nicht mittragen. Sie verließ Loheland. Louise Langgaard wagte die taktische Anpassung, um die Schule am Leben zu erhalten. Die gymnastische Ausbildung gab es in Loheland bis 2009. Werkstätten bestanden bis 1996. Nach wie vor gibt es Aktive, die die Loheland-Gymnastik nach den alten Methoden betreiben. Auf dem Gelände steht heute eine Walddorfschule.

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Tanz " Rufen-Stimme des Frühlings ", Eva Maria Deinhardt, Edith Sutor, Berta Müller, um 1919-20
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Sprung. Fotomontage. Um 1928 -30