Spagat zwischen
Fakten und Fiktion

Evelyn Tapavicza sprach mit Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume

Sie haben eine Affinität zu historischen Themen, nach "Der Staat gegen Fritz Bauer" und "Das schweigende Klassenzimmer" widmen Sie sich in "Die Neue Zeit" dem Weimarer Abschnitt des Bauhaus. Was hat Sie an diesem Zeitraum besonders interessiert?

Bei diesem Projekt kommen eine Menge unterschiedlicher Themen zusammen. Erstmal war das Bauhaus für mich ein Begriff, zu dem mir nur ein paar Stühle und Häuser mit flachen Dächern eingefallen sind. Also eine Wissenslücke. Sobald man anfängt, sich mit dieser Schule zu beschäftigen, wird sie immer interessanter. Es war eine Schule des Erfindens: Die Studenten waren wilde Rebellen, die Lehrer, die Gropius rief, waren bedeutende Avantgardisten und solange die Schule bestand, wurde an ihr auch der Kulturkampf ausgefochten, der in ganz Europa nach dem Zusammenbruch durch den Ersten Weltkrieg stattfand. Das Bauhaus war prägend für die gesamte Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Da die Nationalsozialisten diese Visionäre später aus Deutschland vertrieben, haben sie sich in der ganzen Welt verteilt und die Idee des Bauhaus so weitergetragen.

Aber man macht Filme natürlich vor allem über Menschen in ungewöhnlichen Situationen. Und deshalb waren für mich vor allem die Frauen besonders interessant, denn sie waren quasi in doppelter Hinsicht Rebellen. Während sie mit der ganzen Schule gegen den traditionellen, bürgerlichen Kulturbegriff ankämpften, mussten sie innerhalb des Bauhaus auch gegen die Männer und für ihre Gleichberechtigung kämpfen. Als wir dann die Biografie von Dörte Helm fanden, konzentrierten wir uns auf ihre Geschichte und gehen in der Serie vor allem der Frage nach, wie so eine Emanzipation wohl ablief und wieso diese starke, rebellische Frau dennoch heute quasi unbekannt ist.

Wie haben Sie sich dem Thema genähert? Welche Aspekte waren Ihnen besonders wichtig?

Die erste Idee für das Projekt hatte der Produzent Thomas Kufus. Meine Frau Lena Kiessler, die Kunsthistorikerin ist und das Drehbuch mit mir und Judith Angerbauer schrieb, hat die Recherchen geleitet. Sie setzte auch das Thema der Frauenemanzipation. In der Drehbuchentwicklung basierend auf wahren Ereignissen muss man vor allem immer den Spagat zwischen Fakten und Fiktion machen, denn niemandem ist mit einer wahren, aber langweiligen Geschichte gedient. Gleichzeitig kann man bei einem solchen Thema auch nicht alle Fakten um der Spannung Willen verbiegen, denn die Zuschauer erwarten eine Genauigkeit im Umgang mit den historischen Ereignissen. Während wir schrieben haben wir also immer versucht, möglichst nah an den Quellen zu bleiben. Alle Figuren gab es wirklich, wir machen hier keine Erfindungen. Und auch alle Ereignisse sind belegt, nur in den privaten, nicht dokumentierten Bereichen haben wir fabuliert. Das Ziel möglichst großer Genauigkeit verfolgten wir auch im Produktionsprozess. Die Kostümbildnerin Esther Walz und der Szenenbildner Olaf Schiefner haben mit ihren Teams unglaublich akribisch gearbeitet.

Sie haben nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch gemeinsam mit Judith Angerbauer und Ihrer Frau, der Kunsthistorikerin Lena Kiessler, geschrieben. Wie kann man sich die Zusammenarbeit vorstellen?

Lena hat die entscheidenden Impulse gegeben, muss man sagen. Sie hatte die Idee, das Bauhaus aus der Sicht der Frauen zu betrachten, und sie hat uns immer wieder mit den Fakten konfrontiert, wenn Judith und ich uns als Drehbuchautoren zu weit von der Realität entfernt haben. Wir haben meistens zu dritt um einen Tisch gesessen, die unzähligen Bücher gewälzt, die es über das Bauhaus gibt, und unsere Geschichte immer wieder neu skizziert. Dann haben Judith und ich die Drehbücher geschrieben, und nachdem wir fertig waren, haben wir uns wieder alle drei getroffen und weitergearbeitet. Gedreht wurde dann etwa die fünfte Fassung. Wichtig war aber auch die erste Recherche-Reise nach Weimar, wo uns der Kunsthistoriker Michael Siebenbrodt der Klassikstiftung Weimar auf die Biografie der Dörte Helm aufmerksam machte. Wenn wir eine Rebellin suchen, meinte er, dann wäre das unsere Frau.

Arbeitsfoto: Lars Kraume am Set von "Die Neue Zeit"
ZDF/Anke Neugebauer
Arbeitsfoto: Lars Kraume am Set von "Die Neue Zeit"

Das Bauhaus kultivierte den Spaß und die Lust am Experiment. War diese Haltung auch während der Dreharbeiten zu spüren? Und welche Bedeutung hatten Kostüm, Szenenbild und Musik?

Da das Bauhaus vor allem wild und frei war, dachten wir, es wäre eine gute Idee, auch etwas wilder und freier zu drehen, um etwas Ungezwungenes herzustellen. In Kostümfilmen ist Leichtigkeit schwer zu erreichen, weil ja die 3.500 Komparsen und 80 Schauspieler unglaublich aufwendige Kostüme tragen und lange Maskenzeiten haben. Die Sets sind alle extra eingerichtet und normalerweise kann man nicht 360 Grad drehen, denn irgendwo hört die Dekoration auf. Aber uns war es wichtig, dass sich alles fast "dokumentarisch" anfühlt. Jens Harant, der Kameramann, hat alles mit der Handkamera gedreht, die Sets waren so eingerichtet, dass er überall filmen konnte, und die Schauspieler konnten sich frei bewegen in ihrem Spiel.

Anhand der Musik kann man gut erklären, wie wir versucht haben, das Bauhaus aber nicht nur historisch korrekt nachzuinszenieren, sondern auch für ein modernes Publikum nachvollziehbar zu machen. Die Bauhaus-Band, die es damals wirklich gab, spielte den Jazz der Zeit, gemischt mit ungarischen Volksliedern. Die Komponisten Christoph M. Kaiser und Julian Maas haben Stücke für unsere Band geschrieben, die dieser Musik nahekommen, sich aber dennoch ganz frei und unmerklich musikalischen Errungenschaften des ganzen 20. Jahrhunderts bedienen. Wenn die Bauhäusler feiern, dann tanzen sie zu Musik, die altmodisch und gleichzeitig modern für einen zeitgenössischen Zuschauer wirkt.

Was macht für Sie die Faszination des Bauhaus aus?

Die Faszination des Bauhaus in Weimar ist der ungestüme Drang, die Welt neu zu gestalten und damit ein anderes, modernes Menschenbild und Lebensgefühl zu erschaffen. Der visionäre Geist dieser Leute ist beeindruckend. Zum Beispiel gibt es irgendwann im Film eine Szene, da fährt Gropius mit einem Auto vor der Baustelle des "Haus am Horn" vor. Vor dem Flachdachbungalow wirkt der Wagen, aus dem Gropius aussteigt, lächerlich altmodisch. Dieser Kontrast zeigt, wie die Bauhäusler sich Dinge vorstellen konnten, die heute normal wirken, aber aus ihrer Zeit heraus betrachtet einfach ungeheuerlich waren.

  1. Das auf dieser Seite veröffentlichte Interview wurde der Seite https://presseportal.zdf.de/presse/dieneuezeit (Stand: 2.9.2019) entnommen.

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