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Umsetzung des Konzepts mit dem Ausstellungsgestalter ab 2015

Das theoretische Konzept ist grundlegend, die anschließende Arbeit mit dem Ausstellungsgestalter ist jedoch erst zielführend für das ›Wirken‹ der Ausstellung durch ihre räumlich-thematische Inszenierung. Als Ausstellungsgestalter für das Bauhaus-Museum Weimar wurde das Büro Holzer Kobler in Berlin/Zürich in einem EU-weiten Wettbewerb ausgewählt. Das Büro hat einen seiner Arbeitsschwerpunkte auf die Realisierung großer, kulturwissenschaftlich orientierter Ausstellungen, die einen hohen Inszenierungsbedarf haben. Um die Expertise dieses international tätigen Ausstellungsgestalters möglichst umfangreich einbinden zu können, hat die Kuratorengruppe die Realisierung der Ausstellung als einen iterativen Prozess definiert, für den das überarbeitete Konzept als Grundlage diente. Inhaltlich-konzeptionelle Überlegungen mussten auf die räumliche Situation des Neubaus übertragen werden, mit dem Ziel, dass sich eine konzise Besucherlenkung im Haus entwickeln konnte. Konservatorische Belange waren ferner zu beachten, Sicherheitsaspekte wie Fluchtwege, Brandschutz und vieles mehr. Damit ergaben sich weitere Veränderungen, Zusammenlegungen inhaltlicher Themen zumal, die sich jeweils aber im Rahmen des vom Stiftungsrat bestätigten Konzepts bewegten. Dem Wissenschaftlichen Beirat wurden schließlich im Oktober 2015 erste Gestaltungsvorschläge vorgestellt, die dann nach Bestätigung der Entwurfsplanung in der Ausführungsplanung umgesetzt werden konnten.
Kernstück in Hinsicht auf die Ausstellung ist für die Klassik Stiftung die inhaltliche Ausrichtung von Neuem Museum und Bauhaus-Museum, die konzeptionell eng aufeinander bezogen sind: In beiden Häusern wird die widersprüchliche Entwicklung von Kunst, Kultur und Gestaltung im Rahmen eines sich wandelnden Lebensverständnisses thematisiert, wobei die Zeit vor und nach 1900 mit Gründung und Reform der Weimarer Kunstschule, dem „Neuen Weimar", Friedrich Nietzsche, Henry van de Velde und seiner Kunstgewerbeschule im Neuen Museum und die Geschichte und Rezeption des Weimarer Bauhauses von 1919 bis 1933 im Bauhaus-Museum den Schwerpunkt bilden. Der lokale Weimar-Fokus wird dabei immer gespiegelt in seinem Zusammenhang mit europäischen und internationalen Entwicklungen. Die Klassik Stiftung kann damit die komplexe Entwicklung der Moderne ausgehend von der Industriealisierung in der Gründerzeit bis in das 20. Jahrhundert anschaulich darstellen. Die historischen äußerst bedeutsamen historischen Häuser Liszt-Haus, Nietzsche-Archiv, Haus Hohe Pappeln und perspektivisch auch das Haus Am Horn (UNESCO-Welterbe, bis 06. November 2018 noch im Eigentum der Stadt Weimar) werden die beiden musealen Schwerpunkte ergänzen und auf je eigene Weise das Thema des zeitgemäßen Wohnens und Repräsentierens vermitteln. „Diese museale Setzung stellt ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal für Weimar dar. Sie profiliert den musealen Ort im Kontext der internationalen Reformbewegungen um 1900 auf dem Feld von Kunst, Architektur und Gestaltung und schärft den Bauhaus-Kontext komplementär zur Stiftung Bauhaus Dessau und dem Bauhaus-Archiv in Berlin."

Das Bauhaus-Museum ist in dieser Bestimmung und in diesem Kontext weit mehr als ein klassisches Kunst-, Architektur- oder Designmuseum oder eine Einrichtung zur Musealisierung des historischen Bauhauses im Sinne einer Highlight-Ausstellung oder vordergründiger Aktualisierungen. Das Haus wird ein inklusiv gestaltetes, d.h. ein im Zwei-Sinne-Prinzip eingerichtetes partizipatives Museum, das sich an eine breite Öffentlichkeit wendet, aufgrund dessen auch im Park- wie im Erdgeschoss frei zugänglich ist und sich zum Stadtraum und zum Weimarhallenpark hin öffnet. In den unentgeltlich erlebbaren Bereichen verbinden sich Ausstellungs- und Veranstaltungsmöglichkeiten sowie eine thematische Einführung in das Bauhaus und die Topographie der Moderne.
Die Schausammlung ab dem ersten Obergeschoss wird die Bauhaus-Geschichte nicht linear entlang der Designklassiker erzählen, sondern anhand von thematischen Schwerpunkten und Fragestellungen. Das Thema „Der Neue Mensch", ein Topos der 1920er Jahre, führt als erstes in die unterschiedlichsten Menschenbilder der damaligen Zeit ein, von expressionistisch, reformbewegt, konstruktivistisch oder mechanisch, und bietet viele Anknüpfungspunkte in Hinsicht auf heutige Diskussionen, u.a. zum Thema des Transhumanismus. „Die Schule als Experiment" als nächster Raum konzentriert sich auf das frühe Bauhaus in Weimar, auf die Protagonisten des Lehrkörpers, die alle unterschiedliche Formen der Lehre ausprägten. Die berühmte Bauhaus-Pädagogik, einer der großen Mythen des Bauhauses, war vielmehr in den Anfangsjahren ein Nebeneinander verschiedener subjektiv-lehrender Zugänge zu Theorie und Praxis. Das zentrale Thema im zweiten Obergeschoss, „Der neue Alltag", wird ausgehend vom Haus Am Horn zeigen, wie Überlegungen zur Rationalität und Funktionalität in den privaten Bereich Einzug hielten. Die nach Effektivitätsmaßstäben eingerichtete Küche, das Prinzip des Baukastens als Standard nicht nur für die Architektur, sondern auch für die Möbelherstellung oder Systemkeramik wie auch Fragen der Hygiene und der Wohnraumoptimierung werden dort neben weiteren Aspekten vorgestellt. Das Haus Am Horn, das die Klassik Stiftung perspektivisch ab April 2019 bespielt, wird mit einer Korrespondenzausstellung zum Bauhaus-Museum die Idee des modernen Wohnens für die Besucher in einem begehbaren architektonischen Denkmal sinnlich erfahrbar machen.
Dem gemeinsamen Arbeiten aller Werkstätten am Bau, dargestellt im Raum „Der neue Alltag", steht auf demselben Obergeschoss die Bühnenabteilung gegenüber. Die Bühne als Kreativitätszentrum, ebenfalls mit Fragen von Raum, Licht, Material und Farbe befasst, aber immer verstanden als Ort individueller Kreativität, die sich vom traditionellen Puppenspiel über die mechanische Bühne hin zu neuen medialen Formen mit Lichtspielen und Film zahlreich entfalten konnte.
Im dritten Obergeschoss wird das Scheitern der Schule in Weimar mit seinen politischen Implikationen anhand von einer filmischen Einführung konkretisiert. Die Frage „Was bleibt?" wird schließlich mittels ausgewählter Rezeptionsaspekte im Wirken der drei Bauhaus-Direktoren Walter Gropius, Mies van der Rohe und Hannes Meyer gestellt. Gropius als derjenige, der das dingliche Erbe insbesondere für Weimar mit der „Historischen Sammlung 1925" sicherte, sich später auch andernorts für die Erhaltung und Vermittlung der schulischen Hinterlassenschaften einsetzte, dabei aber die Deutungshoheit über das Bauhaus für sich reklamierte. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang das Thema der Medialität, da schon Gropius in der Weimarer Zeit und insbesondere dann in Dessau die Fotografie als Medium nutzte, das Selbstbild der Schule in Hinsicht auf Funktionalität und Modernität zu konzentrieren und zu propagieren. Mies van der Rohe wird mit luxuriösen, aber auch minimalistischen Original-Möbeln u.a. aus Haus Tugendhat, Brünn, und Haus Esters, Krefeld, vorgestellt, die zwar häufig für das Bauhaus reklamiert werden, allesamt aber nicht am Bauhaus entstanden sind. Seine exzellenten Möbel- und Architekturentwürfe sind, anders als es am Bauhaus mit Entwürfen für Möbel-Einzelstücke gehandhabt wurde, immer auf die Integration in einen größeren Lebens- und Wohnkontext zu sehen. Mies van der Rohe nutzte ebenfalls die Fotografie und formulierte mit ihrer Hilfe seine Vorstellung moderner Lebensformen, die weltweit kommuniziert wurden. Seine Konzept gebliebenen Bauprojekte wie auch seine realisierten Bauentwürfe prägen bis heute unser Bild von urbaner Architektur.
Nach der Exklusivität Miesscher Möbel wird das Wirken Hannes Meyers eingeführt, aber nicht, wie erwartbar, mit seinem berühmten Diktum „Volksbedarf statt Luxusbedarf". Der letzte Raum der Schausammlung inszeniert vielmehr seinen Text »die neue welt« aus dem Jahre 1926, auf den er sich auch während seiner Zeit als Bauhausdirektor in Dessau bezog. Begann die Schausammlung im ersten Obergeschoss mit einer Installation von Textauszügen aus dem Bauhaus-Manifeste von 1919, umgesetzt von den Medienkünstlern der Gruppe TheGreenEyl, Berlin/New York, in der die von Gropius formulierte soziale Utopie des frühen Bauhauses gleich einer Verheißung aufscheint, so beschäftigt sich dieser Text mit den zentralen Entwicklungen der 1920er Jahre, kommentiert aus der Sicht von Hannes Meyer. Wissenschaftlichkeit, Rationalisierung, Normierung, Internationalisierung, Standardproduktion, Gemeinschaft statt Individuum, Stadion anstatt Kunstmuseum sind nur einige der Themen, die anhand des Textes von Hannes Meyer kontrovers diskutiert werden können. Aus diesem Grunde wird der Gast des Museums als letzte Station seines Weges durch das Haus auf eine Installation im Hannes Meyer-Raum treffen, in der diese Themen von ganz unterschiedlichen Gruppen, lokal aber auch überregional agierend, auf ihre heutige Bedeutung hin befragt werden. Im besten Falle werden diese Gruppen nicht nur reflektierend mit dem Text umgehen, sondern auch angeregt, u.a. im öffentlichen Raum gestaltend tätig zu werden und dieses Ergebnis im Museum vorzustellen, sei es als Ausstellung, als Workshop oder Publikation.
Damit wird am Ende des Rundgangs noch einmal deutlich, dass die Gegenwartsrelevanz für das Museum von besonderer Bedeutung ist. Das Bauhaus-Museum wird sich dementsprechend nicht an Stildebatten orientieren, sondern zeigen, dass das Bauhaus Anfang des 20. Jahrhunderts Prozesse für entscheidende Veränderungen in Hinsicht auf ein neues Menschenbild, auf Rationalisierung, Standardisierung, auf neue Technologien, Materialerfahrungen und vieles mehr initiiert hat. Dies immer vor dem Hintergrund der Maßgabe, dass das Bauhaus als modernes Fortschrittsprojekt Teil einer abgeschlossenen historischen Entwicklung ist. Mit dem historischen Bauhaus aber teilen die heutigen Museumsbesucher die Erfahrung einer Fragmentarisierung der Welt. Das macht das Bauhaus auch für aktuelle Fragestellungen so wichtig, nicht im Sinne einer Aktualisierung des Bauhauses mittels Übertragung seiner gestalterischen Methoden und Bildungsansätze ins Hier und Jetzt, sondern in Hinsicht auf die Diskussion heutiger Prozesse und Veränderungen in ihren gesellschaftlichen, technologischen, ökologischen und ökonomischen Dimensionen.

  1. Quelle
  2. Klassik Stiftung Weimar, Themendossier Bauhaus-Museum Weimar unter https://www.klassik-stiftung.de/service/presse/themendossiers/bauhaus-museum-weimar/; letzter Zugriff am 26.3.2019