Die Bewahrung der Schönheit

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Dennoch erinnert das ursprüngliche Kirchenbauwerk wie ein ästhetisches Manifest an den Architekturstil des neuen Brutalismus, der die Prinzipien der Moderne – die Ehrlichkeit und Gerechtigkeit im Umgang mit Material und Konstruktion – kompromisslos fortführte.

Nach erfolgter Profanierung wurde das Gotteshaus 2006 unter weitestgehender Würdigung und Beachtung der denkmalpflegerischen Belange durch einen ortsansässigen Investor in ein Wohnhaus umgebaut. Die ungewöhnliche Nutzungswandlung eines einst sakralen Bauwerks in ein anspruchsvolles modernes Wohngebäude hat dem Stadtquartier ein neues Wahrzeichen gegeben, das weiterhin die Mächtigkeit des Materials und seiner skulpturalen Wirkung widerspiegelt.

Als restliches Zeugnis der Zeit verblieb der standhafte 22 Meter hohe Glockenturm, der weiterhin die ursprüngliche und verborgene Schönheit des seinerzeitigen Baustils bewahrte. Fast unbemerkt verschwand 2006 die Seele des Turms, nachdem die 600 kg schwere Ceciliaglocke ausgebaut und in ihre neue Heimat in einer Kirche im afrikanischen Tansania abtransportiert wurde. Der Turm wurde zum stillen Mahner, der nunmehr ohne Funktion Gefahr lief, die Daseinsberechtigung und die noch bestehende Stärke nach und nach zu verlieren.

Einer glücklichen und unvorhergesehenen Fügung ist es zu verdanken, dass 2014 der Glockenturm als einzigartiges Refugium und wiederbelebbarer Ort der Begegnung durch die Film- und Architekturdesignerin Ingrid Maria Buron de Preser entdeckt wurde. Von jetzt auf sofort entstand eine neue Energie, die dem zwischenzeitlich fast in Vergessenheit geratenen Denkmal zu einer baulichen Auferstehung verhelfen sollte. Beflügelt durch den Mut der Entdeckerin entwickelte sich auf beeindruckende Weise eine Symbiose zwischen baugeschichtlichem Verantwortungsbewusstsein und feinfühliger Ideenvielfalt, die letztendlich in ein konkretes Planwerk mündete.

Unter der Überschrift „Wohnen und Arbeiten auf Zeit“ fasste Ingrid Maria Buron de Preser ihr künftiges Ideen- und Nutzungskonzept zusammen. Auf den fünf Ebenen des ehemaligen Glockenturms werden auf jeweils ca. 40 qm Grundfläche individuell gestaltete Räume für temporäre Wohn- und Kreativnutzungen entstehen. Angefangen von einem als „Mehrzweckstudio“ bezeichneten Ort der Möglichkeiten, in der einstigen kleinen Kapelle des Glockenturms, über designmarkante Ferienappartements in den früheren Räumlichkeiten der kirchlichen Jugendgemeinde bis hin zum atemberaubenden 7 Meter hohen „Himmelstor-Loft“ des eigentlichen Glockenraums werden sich künftig Räume eines neuen Zeitgeistes mit ungewöhnlichem Mobiliar und Accessoires präsentieren.

Während des Planungsprozesses, der in enger Abstimmung mit dem Oberkonservator des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg erfolgte, gelang es der Initiatorin auf beindruckende Art und Weise, zahlreiche Wegbegleiter, Freunde, Gönner und Sponsoren für das Turmprojekt zu gewinnen. So ist mittlerweile ein erstaunlicher Teamgeist entstanden, der zwischenzeitlich auch Teile der unmittelbaren Nachbarschaft in Bann gezogen hat.
Die daraus keimende neue Kraft für Freunde von Kunst, Design und Architektur dürfte ganz im Sinne und im Geist der Bauhaus-Begründer und ihren Verehrern sein. Insofern ist die Einzigartigkeit dieses Umbau- und Sanierungsprojektes nicht nur die Bereitschaft zur Öffnung und Neubelebung eines introvertierten Kulturdenkmals sondern gleichsam auch eine hommage an den béton brut und die Schönheit der Dinge.

Dem beispielgebenden Projekt, das noch im Jubiläumsjahr – 100 Jahre Bauhaus – eröffnen wird, bleibt das Kreuz auf dem Dach des Glockenturms als Zeichenhaftigkeit an einen erinnerungswürdigen Ort der Zukunft erhalten.