Unbekannte Moderne

Nachlass Künstler

headline

Mit dem Ausstellungsprojekt UNBEKANNTE MODERNE (26./27.10.19–12.1.20) widmet sich das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst einem Diskurs um die Moderne. Im Zentrum stehen Fragen nach Bildvorstellungen, die den Zusammenhängen zwischen sozialkritischen Betrachtungen und gesellschaftsreformerischen sowie ästhetischen Utopien in den 1920er- und 30er-Jahren nachspüren. Die insgesamt fünf Ausstellungen an beiden Museumsstandorten in Cottbus und Frankfurt (Oder) präsentieren Werke von über 80 Künstlerinnen und Künstlern. Dabei verknüpft das Projekt national relevante und international gesetzte Positionen (F. Masereel, R. Soupault, G. Arntz, László Moholy-Nagy, Lyonel Feiniger, Alexander Rodtschenko u. v. m.) mit einer Spurensuche entlang der Moderne in Brandenburg, der Lausitz und Polen.

Cottbus

In Cottbus liegt der inhaltliche Schwerpunkt auf dem Verhältnis von Utopien und Realitäten des Alltags. Über mehrere Themenschwerpunkte hinweg untersucht die Ausstellung „Bild der Stadt / Stadt im Bild“, in welcher Weise sich unterschiedliche Bildsprachen der Moderne (Neue Sachlichkeit, Spätexpressionismus, Dadaismus, Bauhaus) Aspekten einer reformierten, humaneren und egalitäreren Gesellschaft widmeten. Ob in der Abbildung von Alltag und Arbeit, dem Bild der neuen Frau (und des neuen Mannes?) oder in reformierten Architekturen und Städten: Die einschneidenden politischen und ökonomischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg fanden ihren Niederschlag in jenen künstlerischen Stilrichtungen.

Keine Moderne ohne Bauhaus
Ein Moderne-Diskurs ist ohne den Blick auf das Bauhaus als kulturelle Keimzelle in Deutschland kaum möglich. Die Präsentation „Das Bauhaus in Brandenburg“ widmet sich Spuren der Kunstschule in Industriedesign und Handwerk fernab der bekannten Zentren. Im Fokus stehen die genossenschaftlich organisierte Handwerkersiedlung Gildenhall bei Neuruppin, die Keramikproduktion in Velten und Marwitz nördlich von Berlin, Kooperationen mit der Kunststoff produzierenden Roemmler AG in Spremberg und mit der Glasindustrie in Weißwasser.
Die Ausstellung thematisiert diese bisher wenig beachteten Aspekte der Bauhausgeschichte mit zum Teil noch nie öffentlich gezeigten Exponaten. Leitende Fragestellung ist dabei, welche besonderen Strukturen und Produktionsbedingungen die Orte interessant für die jeweiligen Künstler*innen machten.

„Man denkt bei Bauhaus an Weimar, Dessau, Berlin, an Gropius, an Mies van der Rohe, an weiße Architekturen, an Licht- und Schatten-Experimente, an klare Formen, an klare Farben. Man denkt weniger an Brandenburg.“

Ulrike Kremeier, Direktorin BLMK

headline

Bild der Stadt / Stadt im Bild
Malerei, Grafik und Fotografie zwischen Bauhaus und Neuer Sachlichkeit

Christian Arnold, Gerd Arntz, Walter Ballhase, Hans Baluschek, Josef Bankay, Tina Bauer Pezellen, Johannes Beutner, Richard Birnstengl, Irena Blühová, Gerd Böhme, Friedrich W. Bogler, Marianne Brandt, Gottfried Brockmann, Edmund Collein, Franz Ehrlich, Fritz Eschen, Franz Esser, Hans Finsler, Ladislav Foltyn, Lotte Gerson-Collein, Kurt Günther, Hans Grundig, Lea Grundig, Marta Hegemann, Albert Henning, Ludwig Hirschfeld-Mack, Heinrich Hoerle, Wilhelm Höpfner, Werner Hofmann, Willy Jaeckl, Adolf Köglsperger, Frans Masereel, László Moholy-Nagy, Gustav A. Müller, Richard Müller, Oskar Nerlinger, Otto Nagel, Gyula Pap, Lotte Reiniger, Albert Renger Patzsch, Hans Richter, Hajo Rose, Xanti Schawinski, Hans Schmitz, Fritz Schulze, Eva Schulze- Knabe, Franz W. Seiwert, Ré Soupault, Fritz Tröger, Karl Völker, Klaus Wittkugel

Die Ausstellung begibt sich auf die Spuren der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts.Die Wurzeln jener europäischen Moderne, die in der Aufklärung und der industriellen Revolution liegen, entwickelten sich nach dem Ersten Weltkrieg über unterschiedliche, parallele Stilrichtungen, die sich in Kunst und Alltag niederschlugen. Bei allen Differenzen zwischen jenen Avantgardenbewegungen lag die Gemeinsamkeit im Interesse an Fragen nach gesellschaftlichen und ästhetischen Utopien, die eine reformierte, humanere und egalitärere Gesellschaft nach sich ziehen sollte. Ihren Ausdruck fanden diese Ideen in unterschiedlichen Bildsprachen, welche die Abkehr von tradiertem Denken und Formen bedeuteten. Die Grenzen zwischen neu- sachlichen, spätexpressionistischen, dadaistischen oder im Bauhaus mündenden Haltungen waren oft fließend, basierte jedoch immer auf einem gesellschaftspolitischen Bezug zu Wirklichkeiten.

Die einschneidenden politischen und ökonomischen Veränderungen, die insbesondere Europa in dieser Zeit prägten, sowie die daran geknüpfte Notwendigkeit Gesellschaft neu zu denken, fanden ihren Niederschlag in allen Künsten, aber auch der Philosophie und politischen Diskursen. Folglich bildete die Kunst Alltag und Arbeit ab, widmete sich dem Bild der neuen Frau – und dem der etwas weniger neuen Männer. Sie (er)fand reformierte Architekturen und Städte und entwarf deren Bilder in alten, aber auch in damals neuen Medien wie Film und Fotografie. Jenes Potential einer egalitären, progressiven Gesellschaftsutopie und deren Ausdruck fanden im Aufkeimen des Faschismus ein jähes Ende.
Die Schau setzt sich aus Kunstwerken aus der Sammlung des BLMK sowie Leihgaben wichtiger, international renommierter Museen und Privatsammlungen zusammen.

headline

Das Bauhaus in Brandenburg
Industriedesign und Handwerk im Zeichen der Moderne

Josef Albers, Max Beckmann, Theodor Bogler, Max Burchartz, Werner Burri, Christian Dell, Lyonel Feininger, Otto Gleichmann, Werner Gothein, Werner Gräff, George Grosz, Erich Heckel, Margarete Heymann-Loebensten-Marks, Ludwig Hirschfeld- Mack, Irmgard Kiepenheuer, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka, Alfred Kubin, Carl Mense, Hans Merz, Else Mögelin, Laszlo Moholy-Nagy, Lucia Moholy-Nagy, Max Pechstein, Christian Rohlfs, Edwin Scharff, Karl Schmidt-RottluffEberhard Schrammen, Wilhelm Wagenfeld, Franz Rudolf Wildenhain

Anders als Thüringen oder Sachsen-Anhalt gehört Brandenburg nicht zu den Bundesländern, die auf Anhieb mit dem Bauhaus in Verbindung gebracht werden. Bestenfalls die von Hannes Meyer und Paul Wittwer entworfene Bundes-schule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes bei Bernau, seit 2017 Weltkulturerbe der UNESCO, wird von Kennern der Materie in diesem Zusammenhang genannt. Begibt man sich jedoch auf Suche in Brandenburg und in der Lausitz, stößt man auf einige Orte, in denen Bauhäusler*innen deutliche Spuren hinterließen.

Die Ausstellung thematisiert diese bisher wenig beachtete Bauhausgeschichte mit zum Teil noch nie öffentlich gezeigten Exponaten. Leitende Fragestellung ist, welche besonderen Strukturen und Produktionsbedingungen den jeweiligen Ort attraktiv für die Künstler*innen machten. Im Fokus stehen dabei die genossenschaftlich organisierte Handwerkersiedlung Gildenhall bei Neuruppin, die Keramikproduktion in Velten und Marwitz nördlich von Berlin, Kooperationen mit der Römmler AG in Spremberg und mit der Glas-industrie in Weißwasser.
Innovative und avantgardistische Ideen der Bauhäusler*innen konnten auch und vielleicht gera-de in der Provinz leichter Fuß fassen als in den Metropolen, da in mittelständischen Firmen ein hohes Innovationspotenzial herrschte. Über-schaubare Strukturen und kurze Entscheidungs-wege schufen hervorragende Bedingungen für moderne Gestalter*innen, die mit ihren Produkten Designgeschichte schrieben.

Darüber hinaus thematisiert die Ausstellung Aktivitäten im Bildungsbereich in Frankfurt (Oder) mit der Pädagogischen Akademie. Dort unter-richtete Ludwig Hirschfeld-Mack angehende Lehrer im Sinne des Vorkurses des Bauhauses. Hinzu kommen die Initiativen des Müller & I. Kiepenheuer Verlags, der sich auf vielfältige Weise für die Propagierung von Bauhausideen einsetzte.

Die einzelnen Kapitel der Schau behandeln unterschiedliche Aspekte der vielfältigen Bauhaus-geschichte. Es entfaltet sich ein breites Spektrum, in dem das utopische Potenzial der ein-flussreichsten Kunstschule des 20. Jahrhunderts verdeutlicht wird. „DAS Bauhaus gibt es nicht“ schreibt der Kunst-historiker Wulf Herzogenrath zu Recht. Vielmehr hat die Institution in mehreren Phasen verschiedene Ideen und Konzepte hervorgebracht. Die Studierenden nahmen jeweils unterschiedliche Impulse an der Kunstschule auf und verarbeiteten diese in ihrer späteren beruflichen Tätigkeit. In der Ausstellung lassen sich zahlreiche dieser Facetten des Phänomens Bauhaus als eine bis-lang „Unbekannte Moderne“ in Brandenburg nachvollziehen.

VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Margarete Heymann-Loebenstein, Deckeldose, Haёl-Werkstätten für Künstlerische Keramik, Marwitz, Leihgabe aus Privatbesitz
Museum Neuruppin
Eberhard Schrammen, Tischfigur, Drechslerei Schrammen Gildenhall, 1927

headline

Im Hinterland der Moderne
Spuren des Neuen Bauens diesseits und jenseits der Oder

Kevin Fuchs, Jakob Ganslmeier, Andrea Grützner, Anne Heinlein, Margret Hoppe, Alexander Janetzko, Thomas Kläber, Marek Lalko, Ludwig Rauch, Lars Wiedemann

Zwischen 1918 bis 1933 waren die Niederlausitz und das Lebuser Land ein“ Architekturlabor“ zwischen den schon damals bedeutenden Metropolräumen Berlin, Posen, Dresden und Breslau. Die Bauten der Moderne prägen die euroregionale Kulturlandschaft bis in die Gegenwart. Noch heute sind zahlreiche Wohnhäuser und Villen, Warenhäuser, Industriebauten, Schulen oder Kirschen von namenhaften Architekten und Gestaltern aus dieser Zeit erhalten. So unterstreichen Arbeiten von beispielsweise Ludwig Mies van der Rohe, Max und Bruno Taut, Konrad Wachsmann, Ernst Neufert, Hans Scharoun, Lilly Reich oder Wilhelm Wagenfeld eine mannigfaltige europäische Baukultur in der Lausitz.

Diese vielschichtigen Spuren des Neuen Bauens bilden einen kulturellen Schatz. Denn gerade in der Provinz unternahmen Stadtplaner und Architekten ihre „ersten Gehversuche“ und nutzten die Peripherie im Schatten der Metropolen als Experimentierräume. Die Ausstellung legt diese Spuren frei und erzählt die Geschichten der Bauten. Im Gegensatz zu einer um denkmal- akkurate Objektivität bemühten Baudokumentation stand jedoch die individuelle Bildästhetik der Fotografinnen und Fotografen im Vordergrund. Es geht zunächst nicht um Baukunst, sondern um die eigene Fotografie zur Baukunst. Statt sich in pedantischer Dokumentationsarbeit zu verlieren, nahmen die Fotokünstler*innen die Situation vor Ort so auf, wie sie sich in ihrer individuellen Reflektion darstellte. So erhält das Architekturfoto einen eigenen Charakter als freies Kunstwerk.

Im Rahmen des Projektes UNBEKANNTE MODERNE hat das BLMK gemeinsam mit dem Institut für Neue Industriekultur INIK GmbH ein zweisprachiges Reiselesebuch herausgegeben, das 30 Bauten der Moderne vorstellt, die in der deutsch-polnischen Lausitz verortet sind.
Wirkungsstätten befinden sich sowohl in Cottbus, Forst, Burg oder Frankfurt(Oder) wieauch in Zbąszynek, Trzebiechów oder Zielona Góra. Das moderne Erbe der WeimarerJahre in der Lausitz ist heute mithin ein länderübergreifendes Erbe.
Ebenso wie in der Ausstellung, wollen die Bilder der Fotograf*innen nicht die regionale Architekturgeschichte der Weimarer Moderne dokumentieren. Die Fotografien sind persönliche und erzählende Momentaufnahmen, um Neugierde für die wenig beachteten Bauten der Moderne zu wecken. Entstanden sind unikate Fotoarbeiten, die dazu anregen sollen, sich mit den vielfältigen architektonischen Traditionen auseinanderzusetzen. Als Erweiterung der Ausstellung erlaubt das Reiselesebuch mit seinen zahlreichen Hintergrundinformationen, Anekdoten und Geheimtipps den kulturtouristisch Neugierigen eine selbstständige Besichtigung aller Bauten.

Künstler
Kevin Fuchs, o. T., ehemaliges Amtsgericht Frankfurt (Oder), 2019

Frankfurt (Oder)

In Frankfurt (Oder) fokussiert die Ausstellung „Neue Städte – Neue Menschen“ auf das Verhältnis ästhetischer und inhaltlicher Konzepte neuen Bauens der 1920er-Jahre zu musikalischen und rhythmischen Prinzipien. Dabei werden konkrete Bezüge zu Architekturen dieser vergleichsweise „Unbekannten Moderne“ in Frankfurt (Oder) hergestellt.

Analog zur Präsentation in Cottbus zeigt sich erneut: Die gesellschaftliche Komponente des Alltags rückte ins Zentrum theoretischer und praktischer Überlegungen und Utopien. Die Ausstellung konzentriert sich auf die Frage, auf welche Weise sich Zusammenhänge zwischen Raum und Körper in Bild, Architektur und Stadt der 1920er- und 1930er-Jahre eingeschrieben haben. Vielfach dienten musikalische und rhythmische Grundsätze als Basis für Bild- und Architekturkonzeptionen.

Über unterschiedliche Kapitel verknüpft die Präsentation inhaltliche und zeitliche Ebenen. Sie spannt den Bogen von künstlerischen Bildwerken der 1920er- und 30er-Jahre über historische Stadt- und Architekturkonzepte zum Blick nachfolgender Künstler*innengenerationen, die sich seit den 1970er-Jahren und bis heute mit den gesellschaftlichen und ästhetischen Grundlagen und Bedeutungen der Moderne beschäftigen.

Komplementär zu „Neue Städte – Neue Menschen“ eröffnen eindrückliche Bilder des belgischen Grafikers, Zeichners und Malers Frans Masereel (1889–1972) einen Blick in den Moloch der modernen Großstadt der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die Ausstellung„Die Stadt – Der gesamte grafische Zyklus des Jahres 1925“ präsentiert die vollständige Serie der 100 Holzschnitte als Originaldrucke. Das Spektrum der Erzählung zeugt von parallel existierenden gesellschaftlichen und politischen Alltagsrealitäten, die zwischen Glamour und Misere pendeln. Die in der Bildserie unbenannte Metropole der Moderne steht für symptomatische, urbane Lebensräume des frühen 20. Jahrhunderts.

headline

Neue Städte – Neue Menschen
Rhythmus und Ton im Spiegel von Körper, Architektur und Stadt

Willi Baumeister, Ella Bergmann-Michel, Henryk Berlewi, Erich Buchholz, Walter Dexel, Werner Drewes, Franz Ehrlich, Franz J. Esser, Lyonel Feiniger, Erich Fritzsche, Paul Fuhrmann, Kevin Fuchs, Jakob Ganslmeier, Jerzy Grabowski, Hans Haffenrichter, Ludwig Hirschfeld-Mack, Johannes Itten, Alexander Janetzko, Jerzy Jankowski, Ida Kerkovius, Felix Kube, Marek Lalko, Frans Masereel, Laszlo Moholy- Nagy, Henrik Neugeboren (Henri Nouveau) , Alexander Rodtschenko, Karl Peter Röhl, Kurt Schmidt, Max Schwimmer, Esther Stocker, Kurt Teubner

Die Ausstellung untersucht das Verhältnis ästhetischer und inhaltlicher Konzepte neuen Bauens der 1920er- und 1930er-Jahre sowie Bild-vorstellungen zu musikalischen und rhythmischen Prinzipien. Dabei werden konkrete Bezüge zu Architekturen dieser vergleichsweise „Unbekannten Moderne“ in Frankfurt (Oder) sowie Orten in der Grenzregion im westlichen Polen hergestellt.

Oft oszillierten in jener Phase der Moderne äs-thetische Gestaltungsansätze zwischen abstrakten Bildvorstellungen und schematischer Gegenständlichkeit. Immer wieder rückte hierbei die gesellschaftliche Komponente des Alltags ins Zentrum theoretischer und praktischer Über-legungen und Utopien. Analog zu künstlerischen Bildkonzepten wurden im Zuge von Reformideen Konzepte des Zusammenspiels von Mensch, Architektur und Stadtraum mit einen Gesamtheits-anspruch unmittelbar miteinander verknüpft.

Die Ausformulierung von alltäglichen Lebens- und Handlungsräumen war auf das Engste mit Vorstellungen über Bildung und Erziehung des neuen, reformierten Menschen verwoben. Da musikalische und rhythmische Grundsätze nicht nur immaterielle, akustische (Bewegungs-)Räume anlegen, sondern auch mit strukturellen Bezügen zwischen Körper und Raum operieren, dienten jene Regelwerke von Tonkunst und Klang vielfach als Basis für Bild- und Architekturkonzeptionen. Klangstrukturen und musikalische Regelwerke wurden in Gliederungsprinzipien für Bildwerke, Gebäudefassaden und -grundrisse, aber auch urbane Räume transponiert.

Die Ausstellung reflektiert daher Zusammenhänge zwischen Prinzipien, die sich an Musik und Bewegung orientierten, und den pädagogisch-erzieherischen Utopien der Reformbewegung und des Bauhauses. Im Fokus steht die Frage, auf welche Weise sich diese Beziehungen zwischen Raum und menschlichem Körper in Bild, Architektur und Stadtvorstellungen der 1920er- und 1930er-Jahre eingeschrieben haben.

Über unterschiedliche Kapitel verknüpft die Präsentation inhaltliche und zeitliche Ebenen: „Neue Städte – Neue Menschen“ spannt den Bogen von künstlerischen Bildwerken der 1920er- und 30er-Jahre über historische Stadt- und Architekturkonzepte zum Blick nachfolgender Künstler*innengenerationen, die sich seit den 1970er-Jahren und bis heute mit den gesellschaftlichen und ästhetischen Grundlagen und Bedeutungen der Moderne beschäftigen.

Ein Teil der Ausstellung widmet sich konkreten Gebäuden wie u. a. dem Musikheim und der Hindenburgschule in Frankfurt (Oder) oder dem Stadttheater in Zielona Góra, indem historisches Archivmaterial die Ursprungskonzepte jener Bauten nachvollziehbar macht. Den Abgleich zum aktuellen Status Quo stellen zeitgenössische Fotografien her, die den heutigen Zustand sowie die Nutzung jener Bauten dokumentieren und interpretieren.

headline

Frans Masereel
Die Stadt – Der gesamte grafische Zyklus des Jahres 1925

Die Ausstellung zeigt die vollständige Serie der 100 Holzschnitte als Originaldrucke aus dem Jahr 1925 des belgischen Künstlers Frans Masereel. Jene auf kaiserlichem Japanpapier gedruckte Bilderfolge – eine frühe Form gezeichneter Bildgeschichten, die heute als Graphic Novel (oder Comic) bezeichnet wird – wird ergänzt durch Tuschezeichnungen und weitere großformatige Grafiken des Künstlers.

In eindrücklichen Bildern eröffnet die Serie Die Stadt einen Blick in den Moloch der modernen Großstadt der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Das Spektrum jener nichtlinear angelegten Erzählung zeugt von parallel existieren-den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen des Alltagslebens nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Realitäten zwischen Glamour und Misere changierten. Frans Masereels Bilderfolge ist eine ästhetische Reflexion, die das Phänomen Stadt, ihre Entwicklungen und Funktion als sozialer Brennpunkt in den 1920er-Jahren bezeugt und gleichermaßen kommentiert.

Diese in der Bildserie unbenannte Metropole der Moderne steht exemplarisch für symptomatische, urbane Lebensräume des frühen 20. Jahr-hunderts. Ein besonderes Interesse des künstlerischen Blicks gilt hierbei Orten, die individuelle, aber auch kollektive Handlungsebenen markieren. Daher wechseln sich auf den Bildern Massenszenen und Darstellungen von Einzel-figuren ab. Kennzeichnend für das Werk Frans Masereels ist, dass der einzelne Mensch auch in der Masse nie seine Einzigartigkeit verliert. Immer sind in den Darstellungen individuelle Gesichtszüge, Kleidung, Körperhaltungen etc. erkennbar. Das Individuum ist Teil des Kollektivs, löst sich aber nie in der Menge auf oder wird gar anonymisiert. Trotz des kritischen Blicks auf gesellschaftspolitische Problemfelder ist F. Masereels Œuvre nicht von einer pessimistischen Weltsicht durchzogen. Besonders die geradezu liebevolle Darstellung von Durchschnittsbürgerinnen und -bürgern sowie deren Sehnsüchte nach dem kleinen (oder großen) privaten Glück stellen hier eine inhaltliche Ausgewogenheit im Verhältnis zu kollektiv relevanten Themen wie Ökonomie, Arbeitsbedingungen, gesellschaftlichen Hierarchien etc. her.

Frans Masereel (geb. 1889 in Blankenberge, Belgien, gest. 1972 in Avignon, Frankreich) war ein belgischer Grafiker, Zeichner und Maler. Nach seinem Studium in Gent siedelte er in die Schweiz über, wo er als überzeugter Pazifist sei-ne künstlerische Arbeit ab 1915 regelmäßig in den Dienst humanistischer und politischer Bewegungen stellte, u. a. dem Internationalen Roten Kreuz. In den frühen 1920er- Jahren zog er nach Paris um seine künstlerische Arbeit ebenso fortzusetzen wie die Netzwerke seines politischen Engagements zu intensivieren. 1940 führte ihn die Flucht vor den Nazis zum Umzug nach Nizza. Bis zu seinem Tod im Jahr 1972 wirkte er in Südfrankreich.
Sein Anliegen, Kunstschaffen mit einer politischen Haltung zu verbinden, kennzeichnet sein Werk in allen Phasen. Vielfach jedoch steht bei der Rezeption seiner Bilder ausschließlich der Inhalt im Fokus. Die formalen und ästhetischen Komponenten hingegen, über die der Künstler deutliche Setzungen vornimmt, finden nach wie vor wenig Beachtung.

UNBEKANNTE MODERNE

Ausgangspunkt für der Entwicklung des Projektes UNBEKANNTE MODERNE ist die Sammlung des BLMK, die den weltweit umfassendsten musealen Bestand von Kunst aus der DDR und Ostdeutschland beherbergt. Die gesellschaftspolitischen Analysen und ästhetischen Utopien dieser „Ostmoderne“ sind auch Fortschreibungen modernistischer Entwicklungen im Osten Deutschlands und Europas. Diese Spuren in Kunst, Architektur und Design – jenseits der großen Zentren der Moderne – sind jedoch zum großen Teil nur Eingeweihten bekannt oder gar noch unentdeckt.

7.-9.11.2019, Cottbus | 29. FilmFestival Cottbus
Zu Gast im BLMK mit der Programmreihe Zwischen Bauhaus und Brutalismus: Zum Umgang mit dem Erbe der sozialistischen Architektur-Moderne

12.11.2019, Cottbus | Lesung und Gespräch
Irmgard Kiepenheuer und das Bauhaus

14. & 15.11.2019, Frankfurt (Oder) | Filmvorführung Spuk im Hochhaus
Die siebenteilige DDR-Fernsehserie zur Ausstellung Neue Städte – Neue Menschen

27.11.2019, Cottbus | Lesung und Gespräch
Dr. Karla Bilang liest aus ihrem Buch Frauen im „STURM“.
Künstlerinnen der Moderne

30.11.2019, Cottbus | Tagestour Grand Tour der Unbekannten Moderne
Per Reisebus Cottbus – Eisenhüttenstadt – Frankfurt (Oder) – und zurück nach Cottbus | Anmeldung bis 15.11.2019

5.12.2019, Frankfurt (Oder) | Vortrag und Gespräch zur Polnischen Avantgarde
mit Jarosław Suchan (Direktor des Kunstmuseums in Łódź)

Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst | Cottbus
Dieselkraftwerk | Uferstr./Am Amtsteich 15
03046 Cottbus
Tel. 0355 49494040

Dienstag – Sonntag 10 bis 18 Uhr

Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst | Frankfurt (Oder)
Rathaushalle | Markplatz 1
15230 Frankfurt (Oder)
Tel. 0335 28396183

Packhof | Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str. 11
15230 Frankfurt (Oder)
Tel. 033540156 29

Dienstag – Sonntag 11 bis 17 Uhr

Bauhaus in Brandenburg

rbb Fernsehen | veröffentlicht am 26.3.2019

Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus gegründet. Was ist davon in Brandenburg zu finden? Diese Entdeckungstour mit Ulrike Kremeier, der Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für Moderne Kunst, führt zu einer Bauhaus-Ikone: der Bundesschule Bernau. Daneben stellt der Film andere Zeugnisse von Bauhäuslern in Brandenburg vor.

Mehr erfahren