WBS70 – fünfzig Jahre danach.
Kunst.off Plattenbau

Dresden | Ausstellung | bis 18.12.2020
+++ Bitte informieren Sie sich über die derzeitigen Öffnungszeiten. +++

Mit der politischen Wende um 1989/90 endete nicht nur die Ära des sozialistischen Wohnungsbaus. Mittlerweile, 30 Jahre nach diesem historischen Umbruch, erregt dieses umstrittene architektonische Erbe jedoch immer mehr öffentliches Interesse. Künstler, Fotografen und Architekturhistoriker haben den Plattenbau als attraktives Sujet und Forschungsfeld entdeckt.

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Die Ausstellung WBS70 – fünfzig Jahre danach. Kunst.off Plattenbau. präsentiert Arbeiten internationaler Künstler*innen, die sich mit dem Sujet des industriellen Wohnungsbaus der Ära vor 1990 beschäftigen.

Teilnehmende Künstler*innen
ZHANNA KADYROVA (Kiew, UA)
THOMAS BAUMHEKEL (Dresden, DE)
MARIA KIESNER (Warschau, PL)
ZUZANNA KRYŃSKA (Warschau, PL)
MARTIN MALESCHKA (Cottbus, DE)
MARTIN MORGENSTERN (Dresden, DE)
STEFAN PARUCH (Warschau, PL)
ALEX REX (Halle, DE)
CHRISTINE STARKE (Dresden, DE)
DANIELA IVA SVOBODOVA (Halle/Prag,CZ)
HENDRIK VOERKEL (Leipzig, DE)
ZUPAGRAFIKA (Posen, ES/PL)

Anlass für diese mit einem umfangreichen Rahmenprogramm gekoppelte Ausstellung ist das 50-jährige Jubiläum der Entwicklung der meist nur WBS70 genannten Wohnungsbauserie 70, die das Erscheinungsbild vieler ostdeutscher Wohngebiete und Orte bis heute prägt. Denn sie war der am weitesten verbreitete Plattenbautyp der DDR.

Mit der politischen Wende um 1989/90 endete die Ära des sozialistischen Wohnungsbaus, der die Wirtschafts- und Sozialpolitik der meisten Ostblockländer bestimmte. Damals setzte man auf große Wohnsiedlungen, die häufig komplexe, in sich abgeschlossene städtebauliche Ensembles bildeten. Mit ihnen schufen die Planer neben dem völlig neuen urbanen Umfeld auch neue soziale Strukturen. Sie entpuppten sich unter den marktwirtschaftlichen und politischen Bedingungen der postsozialistischen Ära als eine Herausforderung für die Kommunen. Bereits vor der Wende existierte in diesen Siedlungen allerhand Konfliktpotential. Es wurde aber aus politischen Gründen unterdrückt oder zumindest ignoriert.

Tomasz Lewandowski, 2020
Plakat zur Ausstellung „WBS70 – fünfzig Jahre danach“

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Dies verdeutlicht der einzige historische Beitrag der Ausstellung, die Fotobuch-Installation von Christine Starke. Für dieses 1988/89 entstandene Buch dokumentierte die Fotografin einen Plattenbaublock im Dresdner Stadtteil Gorbitz und porträtierte dabei auch die ganz unterschiedlichen Hausbewohner in einer umfangreichen Bilderserie. Beim genaueren Betrachten dieser Fotoaufnahmen kann man auf einer Hauswand eingekratzte Symbole und Parolen entdecken, die einen rassistischen Hintergrund vermuten lassen. Dies lässt spätere Entwicklungen erahnen. Nach 1990 verloren die Plattenbauten in den meisten Ländern des ehemaligen Ostblocks innerhalb von wenigen Jahren ihr Image als moderne und begehrte Wohnstätten. In vielen Regionen der ehemaligen DDR kam es in dieser Zeit zu einem fortschreitenden Bevölkerungsschwund, auch in den früheren Mustersiedlungen. Einige dieser Wohngebiete wurden im Zuge der neuen Belegungspolitik sogar zu sozialen Brennpunkten. Mittlerweile, dreißig Jahre nach diesem historischen Umbruch, erregt dieses umstrittene architektonische Erbe jedoch immer mehr öffentliches Interesse. Künstler, Fotografen und Architekturhistoriker haben den Plattenbau als attraktives Sujet und Forschungsfeld entdeckt. In der Popkultur und Designszene ist die sozialistische Architekturmoderne („Ostmoderne“) mittlerweile sogar zum echten Star avanciert.

Christine Starke
Christine Starke, „Gorbitz“, 1989

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Zur Ausstellung wurden Künstler*innen aus Deutschland und Mittelosteuropa eingeladen. Das interdisziplinäre Konzept des Projektes soll den Dialog zwischen den Kunstschaffenden aus den verschiedenen Ländern fördern und zugleich auch eine Art Forschungsplattform schaffen, auf der die Rezeption des Plattenbaus in der Kunst der ehemaligen Ostblockländer miteinander verglichen wird.
Die Teilnehmer*innen bieten ein breites Spektrum unterschiedlicher künstlerischer Ausdrucksformen. Es werden sowohl Werke klassischer Kunstgattungen, wie der Malerei, der Grafik als auch Arbeiten aus dem Bereich der neuen Medien oder der konzeptuellen Kunst präsentiert. Einige Arbeiten stammen aus dem Grenzbereich zwischen Design, Wissenschaft und Kunst.

Martin Maleschka
Martin Maleschka, „Wohnmaschine“, 2019

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Neben der Hauptausstellung im Galerieraum des Kunsthaus Raskolnikow wird eine Plattenbauwohnung in Gorbitz als externer Standort dienen. In einer von der Eisenbahner Wohnungsbaugenossenschaft eG zur Verfügung gestellten Wohnung in der Hainbuchenstraße wird die aus Alltagsgegenständen der DDR bestehende Installation Wohnmaschine 2.0 des Künstlers Martin Maleschka gezeigt. Stefan Paruch bringt an der bereits von Weitem sichtbaren Giebelwand des Kunsthauses in der Böhmischen Straße 34 den Schriftzug Past was perfect als Graffiti an. Dabei adaptiert er die Methoden des politischen Kampfes in den Ostblock-Staaten der Zeit vor 1990. Dazu gehörten auch systemkritische Parolen, die von Oppositionellen mit Farbe auf die Wände geschrieben wurden. Diese wurden zwar oft bereits nach kurzer Zeit von den jeweiligen Sicherheitsdiensten wieder überstrichen oder anderweitig verdeckt, waren jedoch häufig bei genauerem Hinsehen auch weiterhin zu entschlüsseln.

Visualisierung: Tomasz Lewandowski
Stefan Paruch, „Past was perfect“, 2020

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Kunst-und Kultur-Events wie Raster Beton (2016) in Leipzig-Grünau und Tu zaszła zmiana (Hier ändert sich was, 2007) in Warschau können der lokalen Stadtentwicklung und den aktuellen Architekturdiskursen neue Impulse geben. Dies führt, neben der Gründung neuer Initiativen, häufig zu einer differenzierteren Wahrnehmung und Neubewertung des überlieferten architektonischen Erbes. Die Ausstellung WBS70 fünfzig Jahre danach. soll durch ihre internationale Ausrichtung für die aktuellen Diskussionen zum Thema des Plattenbaus eine vielfältige Bühne für den weiteren Ideen- und Gedankenaustausch bieten. Dabei lenken die ausgestellten Arbeiten und künstlerischen Interventionen den Blick auf viele vorher kaum bekannte Aspekte und Zusammenhänge.

Hendrik Voerkel
Hendrik Voerkel, „Fensterspiel“ 2018

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Ausstellungsorte
► Kunsthaus Raskolnikow e. V. | Böhmische Straße 34 | 01099 Dresden-Neustadt
Öffnungszeiten der Galerie
Mi-Fr 15-18 Uhr und Sa 11-14 Uhr

Plattenbau-Musterwohnung | Ausstellung von Martin Maleschkas Wohnmaschine 2.0
► Hainbuchenstrasse 10 | 01169 Dreden-Gorbitz
Öffnungszeiten vom 4.November bis 16. Dezember 2020
mittwochs 16 Uhr Ausstellungsführungen

WBS70 – fünfzig Jahre danach.
30.10.– 18.12.2020

Zum weiteren Programm der Ausstellung gehören Vorträge, Künstlergespräche, thematische Filmabende und eine Fachtagung über den Wohnungsbau des früheren Ostblocks.

Webseite

Unvollendete Metropole

Berlin | Ausstellung | bis 3.1.2021
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Vor 100 Jahren, am 1. Oktober 1920, wurde die „neue Stadtgemeinde Berlin“, auch Groß-Berlin genannt, geschaffen. Ein Jahrhundertereignis! Über Nacht erhöhte sich die Stadtfläche von 66 auf 878 km² und die Bevölkerung von 1,9 auf knapp 3,9 Millionen Einwohner. Das alte Berlin wurde mit sieben Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken vereinigt. Die Ausstellung fächert Themen anhand exemplarischer Orte, Projekte und Pläne auf, die die Metropole Berlin geprägt und verändert haben.

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