DIE UMBAUTEN DER 1980ER-JAHRE

In den achtziger Jahren stand eine grundlegende Sanierung der Haustechnik an. Der Magistrat unter Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) wollte dies nutzen, um die historische Paulskirche weitgehend zu rekonstruieren – vor allem das Steildach. Anlass zur Kritik bot Wallmann, als er neben dem demütigen Blick auf die junge Bundesrepublik „über den Abgrund der jüngeren Vergangenheit hinweg“ auch wieder einen stolzen Blick auf 1848 zulassen wollte. Er bewegte sich damit nah an der Grenze zur „Geschichtsklitterung“ (Dieter Bartetzko).Die Vorplanung besorgte der Berliner Experte für Versammlungsbauten Klaus Wever. Da inzwischen alle Mitglieder der Planungsgemeinschaft verstorben waren, wurde Rudolf Schwarz‘ Witwe Maria Schwarz zur engagiertesten Gegnerin der Rekonstruktionspläne. Sie mobilisierte die Fachwelt zum Protest – eine öffentliche Kontroverse entstand. Das Hochbauamt der Stadt Frankfurt suchte einen ungewöhnlichen Weg aus dem Dilemma: Es beauftragte Maria Schwarz und Klaus Wever gemeinsam – trotz ihrer eigentlich unvereinbaren Positionen. Maria Schwarz wurde die künstlerische Leitung für den großen Saal und die Wandelhalle übertragen, Klaus Wever zeichnete für die Technik und die übrigen Räume verantwortlich. Das Äußere des Baus blieb unverändert. Im Inneren wurde die Saaldecke durch eine weitgehend ähnliche, aber feuersichere Konstruktion ersetzt. Die Wände wurden mit einem sieben Zentimeter dicken, weiß gestrichenen Akustikputz versehen. Zwei Gehänge aus Lautsprechern, dem Stil der Leuchtketten angepasst, verbesserten die Akustik weiter. Das Gestühl wurde aufgearbeitet und gepolstert. Anstelle der provisorischen Orgel aus der Nachkriegszeit gab es jetzt eine Konzertorgel mit einem von Maria Schwarz entworfenen Prospekt (Orgel-Verkleidung). Das Kellergeschoss wurde vollkommen umgebaut und mit neuer Technik bestückt. Die Kosten von mehr als 23 Millionen Mark hatte zu großen Teilen die Stadt Frankfurt zu tragen, da der Bund, anders als vorgesehen, keinen Zuschuss leistete und ein Spendenaufruf nur 2,1 Millionen Mark einbrachte.

DAS WANDBILD

Ein ovaler Raum bildet seit dem Wiederaufbau das Zentrum der Wandelhalle im Erdgeschoss. Ursprünglich sollte er parlamentarischen Beratungen dienen – im Zuge der Sanierung in den achtziger Jahren wurde er zum VIP-Raum umgebaut. Seine Außenwand sollte seit jeher ein Kunstwerk schmücken. Die Planungsgemeinschaft dachte während des Wiederaufbaus an eine monumentale, figürliche Darstellung der Sehnsucht nach Frieden. Zwölf Jahre später favorisierten die Architekten ganz im Stil der Zeit ein abstraktes Mosaik. Zur Umsetzung kam aus finanziellen Gründen keine der beiden Varianten. 1987 wurde ein Wettbewerb ausgerufen, der wieder die Gegenständlichkeit des Motivs zur Bedingungmachte. Als Thema waren der Vormärz und die gescheiterte Revolution von 1848 vorgegeben.

DAS WANDBILD

Eingeladen wurden Künstler aus Ost und West – die Paulskirche galt noch immer als gesamtdeutsches Projekt.Die ostdeutschen Künstler waren (offiziell) anderweitig gebunden, aber auch unter den westdeutschen hielt sich die Beteiligung in Grenzen. So reichten lediglich vier Künstler einen Beitrag ein. Es gewann der Entwurf von Johannes Grützke: ein langer Zug schwarz gekleideter Volksvertreter, gespickt mit dem Pathos des Amtes und der Ironie von Alltagsszenen. Den zweiten Preis bekam Jörg Immendorf für sein comicartiges, orangefarbenes Panorama Marke Vaterland kinetisch, welches mit blauen Nationalsymbolen verschiedener Ideologien durchsetzt war. A. R. Penck erhielt für seinen felsbildartigen Fries aus schwarzen Figuren und Zeichen den dritten Preis. Frühzeitig ausgeschieden war Alfred Hrdlicka, da seine plastischen Bronze-Entwürfe die Wettbewerbsbedingungen nicht erfüllten.

Moritz Bernoully, 2019
Wandelhalle mit Wandbild: Johannes Grützke, Der Zug der Volksvertreter (1991)

DIE NEUEN FENSTER

Parallel zu den Sanierungsarbeiten wurden auch neue Fenster eingebaut. Einen bundesweiten Wettbewerb zur Gestaltung der Fenster in historischer Sprossenteilung entschied 1986 der Künstler Wilhelm Buschulte für sich. Er hatte in ganz Deutschland bereits zahlreiche Kirchen ausgestattet und wurde besonders für seine Grisaillefenster geschätzt: strenge geometrische Kompositionen aus farblosen Gläsern, die unterschiedlich transparent oder opak waren. Auch die Fenster der Paulskirche setzte Buschulte in seiner Grisailletechnik um. Mit Rudolf Schwarz hatte ihn seit Ende der fünfziger Jahre eine Freundschaft verbunden.

Deutsches Architekturmuseum, Foto: Moritz Bernoully, 2019
Präsidentenzimmer mit Buntglasfenster von Karl Knappe (1952)