Tagblattturm

Herbert Medek UDB

Erbauung

  • Baujahr / Bauzeit 1927 — 1928
  • Architekt/in Ernst Otto Oßwald

Gebäudetypologie

Büro- und Dienstleistungsgebäude, Verlagsgebäude

Dieser herausragende Bau ist Teil des digitalen Vermittlungsformats „100 Jahre Architekturgeschichte zwischen 1900 und 2000“, das ab April 2019 auf dieser Webseite zugänglich sein wird. Der Ort ist nicht Teil der Grand Tour der Moderne und nicht zugänglich.

Der Tagblattturm aus dem Jahr 1928 ist nicht nur Stuttgarts ältestes Hochhaus. Das 61 Meter hohe Gebäude ist zugleich das erste Hochhaus, das in Deutschland in Sichtbeton errichtet wurde. Es entstand nach Plänen des Architekten Karl Ernst Otto Oßwald und gilt als eines der bedeutendsten Architekturdenkmale des Neuen Bauens. Gemeinsam mit der Weissenhofsiedlung und dem Kaufhaus Schocken zeugt der Tagblattturm von einer großen Epoche der Stuttgarter Stadtbaugeschichte.

Für die wachsende Stadt Stuttgart waren in den 1920er Jahren neue städtebauliche Dominanten gefragt. Eine Debatte zum Bau von Hochhäusern war entbrannt, in die sich der Tagblattturm als neuer Sitz der namensgebenden Tageszeitung Stuttgarter Neues Tagblatt einreihte. Der Oßwaldsche Entwurf hatte Fürsprecher, wurde zur Absicherung aber mehrfach geprüft, bis am 15. Februar 1927 schließlich die Genehmigung für das Hochhaus erging.

Mit dem Büroturm für die Redaktion des Neuen Tagblatt gelang Oßwald seine bedeutendste Arbeit. Er nannte sie „Zweckbau“ und meinte damit „ein Haus, das die Benutzung der Räume wirtschaftlich, gesund und behaglich macht“. Oberstes Kriterium in seinem Entwurf waren Funktionalität und arbeitstechnische Abläufe. Zwei schlanke Baukörper stehen auf einem L-Grundriss. Der unverputzte Turm wächst aus der Blockrandbebauung heraus. Schmale Fensterbänder und Balkone – an jeder Fassadenseite anders – betonen die Horizontale. Die Geschosse wurden als „leere“ Plattformen geplant, nur durch leichte Glaseinbauten unterteilt. Lediglich die Lage für Treppenhaus, Aufzüge und Toilettenräume war festgelegt. Das ermöglichte eine Fassadengestaltung, die relativ frei von inneren Vorgaben war.

 

Einzigartig war der 1927 von der Firma Stahl eingebaute, seinerzeit höchste Paternoster der Welt. Auch sonst war das Gebäude nach modernsten Maßstäben eingerichtet: mit Warmwasserheizung, Doppelfenstern, Müllschacht und Briefkastenabwurfschacht direkt in den Kasten der Reichspost im Foyer.

Unverwechselbar war und ist mittlerweile wieder die Ausstrahlung des Gebäudes bei Nacht. 1928 beleuchteten Neonröhren die Formen des Turms. Nach einer Demontage in den 1960er Jahren erhielt er 2005 diese Konturenbeleuchtung, bestehend aus 350 Metern Lichtfaserleitung, zurück. Der Tagblattturm steht seit 1978 unter Denkmalschutz. Heute beherbergt er das Kulturzentrum „Kultur unterm Turm“. [KL]

Förderformel

Herbert Medek, UDB Stuttgart
Bildarchiv UDB Stuttgart