Margarete Schütte-Lihotzky. Architektur. Politik. Geschlecht.
Neue Perspektiven auf Leben und Werk

Marcel Bois, Bernadette Reinhold

 

Der dokumentarisch angelegte Sammelband ist chronologisch eng an der Biografie entlang in fünf perspektivische Schwerpunkte geordnet und versammelt differenzierte und interessante neue Einsichten in Leben und Werk der mittlerweile berühmten Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Er beabsichtigt die verengte Sicht auf die Architektin aufzubrechen: Als Tagungsband bietet diese Publikation, die einem Geburtstag geschuldet ist, einen sehr breiten politischen und persönlichen biografischen Rahmen, in den man die Architektin und ihre Lebensleistung einstellt. Die ersten vier Beiträge, die unter "Biografische und geschlechterhistorische Perspektiven" firmieren, erweitern eine über das Werk der Architektin auf zwei Projekte eingeengte Betrachtung, wie sie uns in vielen bisherigen Veröffentlichungen über das Werk der Architektin begegnen. Die Autorinnen beschreiben differenziert und ausführlich den umfassenderen Kontext, in dem ihr Werk und Tätigkeitsspektrum zu analysieren und zu betrachten ist. Dies ist besonders gelungen in den gut recherchierten Texten von Sabine Plakolm-Forsthuber zur schwierigen Ausbildungsmöglichkeit und der Genese des Berufs der Architektin in Wien und in Bernadette Reinholds bestens dokumentierter profunder Auseinandersetzung mit den autobiografischen Quellen der Architektin und Widerstandskämpferin. Beide Aufsätze sind äußerst spannend und lesenswert!

Unter der zweiten Perspektive bündeln die Herausgeber chronologisch die diversen beruflichen Stationen und Tätigkeitsfelder der inter- bzw. transnational tätigen Architektin: Von ihrem frühen Engagement in der Wiener Siedlerbewegung über das große Spektrum von Projekten für das Neue Frankfurt, ihre Zeit in China 1934-36, die bislang kaum erforschten sowjetischen Jahre von 1937-39, das mehrjährige Exil in der Türkei von 1938-40 sowie die spätere Beratungstätigkeit für die DDR. Thomas Flierl gelingt in seinem Beitrag ein kritischer Blick über diese Stationen. Besonders spannend und aufschlussreich ist die Neudeutung eines China-Reisetagebuchs von 1956 von Helen Young Chang und dessen Auswirkung auf Planungen von Wohngebäuden und Kindergärten.

Margarete Schütte-Lihotzky. Architektur. Politik. Geschlecht.
Neue Perspektiven auf Leben und Werk

Für die dritte Perspektive wird der Aspekt der persönlichen Begegnung differenziert beleuchtet, eine erfreuliche Tatsache, sind sonstige Forschungen doch eher sachlich und nüchtern. Die getroffene Auswahl ermöglicht einen wichtigen Einblick in die fachliche Vielfalt und politische Bandbreite ihrer zwischenmenschlichen Netzwerke. Eine wesentliche Rolle spielte beispielsweise die frühe Freundschaft zu Otto Neurath in einem Zeitraum, aus dem die Kontakte zur internationalen Bewegung stammen. Günter Sandner beschreibt sehr ausführlich das Auf und Ab in dieser freundschaftlichen Beziehung, die in der Wiener Siedlungsbewegung wurzelt und sich später aufgrund politischer Differenzen während der Exilzeit Neuraths entfremdet. Weitere Einzelbetrachtungen sind den Arbeiten von Herbert Eichholzer, und Hans Wetzler gewidmet.

Die vierte Aufsatzreihe beleuchtet en detail die politische Entwicklung der Architektin, ihren Kampf gegen das Nazi-Regime und ihre kommunistische Einstellung.

Perspektive fünf widmet sich der Rezeption des architektonischen Werkes mit dem Fokus auf Kindergärten und Küchen – eine bedauerliche Einschränkung, die den vorher erfreulich weit gespannten Horizont der Betrachtung wieder eng zusammenzurrt.


2019, Birkhäuser Verlag, Basel
360 Seiten
Deutsch
ISBN 978-3-0356-1959-1