Bauhaus-Schatz im Kiefernwald

Bauhaus-Archiv Berlin. Foto: Christoph Petras, 2011.

Text Teil1

Wer sich von der letzten Station der Berliner S-Bahnlinie 2 am Bahnhof Bernau mit dem Rad in Richtung Wandlitz auf den Weg macht, hat mit großer Wahrscheinlichkeit den nahegelegenen Liepnitzsee zum Ziel. Nur wenige wissen, dass sich hier in den Kiefernwäldern ein großer Schulbau des Bauhauses verbirgt, der durchaus einen Abstecher wert ist.

Hier sollten einst Gewerkschaftsarbeiter in natürlicher Umgebung an ein Gemeinschaftsleben und eine neue Wohn- und Lebenskultur herangeführt werden. Die Schule ist ein gebautes sozial-pädagogisches Programm. Der Entwurf stammt vom zweiten Bauhaus-Direktor Hannes Meyer und seinem langjährigen Partner Hans Wittwer. Der Bau wurde zu einem Studienprojekt für das gesamte Bauhaus. Bauhaus-Schüler waren an der Planung und am Bau der im Mai 1930 eröffneten Schule beteiligt. Große Teile der Innenausstattung stammten aus den Dessauer Werkstätten. Seit 1977 steht die Anlage unter Denkmalschutz. Ab 2017 könnte sie Teil des UNESCO-Welterbes werden – ein entsprechender Antrag wurde bereits gestellt. Nach bereits abgeschlossenen umfangreichen Sanierungsarbeiten des Gebäudekomplexes werden aktuell die Außenanlagen des Areals denkmalgerecht saniert und neu gestaltet.

Bauhaus-Archiv Berlin., Foto: Christoph Petras, 2011.
ADGB-Gewerkschaftsschule in Bernau, Architektur: Hannes Meyer und Hans Wittwer, 1928

Text Teil2

Wenige Kilometer hinter der Ortsgrenze von Bernau weist ein kleines unscheinbares Schild den Weg zum Bauhaus-Denkmal. Hier erwarten den Besucher keine strahlend weißen Bauten, wie man sie aus Dessau kennt. Hier dominieren die reinen Materialien: Ziegel, Glas und Stahl. Die Anlage, in der früher jeweils bis zu 120 Arbeiter für vier Wochen zur Schulung und Erholung  untergebracht waren, hat einen fast industriellen Charakter und steht damit im reizvollen Kontrast zum Landschaftsidyll der Umgebung.

Heute wird der "Meyer-Wittwer-Bau", das Hauptgebäude des Komplexes, von der Handwerkskammer Berlin als Internatsgebäude genutzt und ist im Inneren für Besucher nur eingeschränkt zugänglich. Die Bundesschule mit ihren Lehrerhäusern ist nach dem Bauhaus-Gebäude von Walter Gropius in Dessau der zweite Schulkomplex des Bauhauses und zählt zu den weltweit größten Bauhaus-Ensembles.

Foto: Junkers. Bauhaus-Archiv Berlin.
Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), Bernau bei Berlin, Luftaufnahme um 1930. In den 1950er-Jahren wurde die Schule erweitert. Damals erhielt sie ein neues Eingangsgebäude und mit ihm ein neues Gesicht.

Text Teil3

Wer mehr über das Schulgebäude, seine Geschichte und die verschiedenen Nutzungen erfahren will, sollte an Haus Nummer 9 der ehemaligen Lehrerhäuser klingeln. Hier hat der Verein "baudenkmal bundesschule bernau e.V." seinen Sitz, der sich seit mehr als 25 Jahren für den Erhalt des Baudenkmals engagiert. Um die gesamte Schule zu besichtigen, sollte man sich einer Führung anschließen, die der Verein von April bis August an zwei Sonntagen im Monat anbietet. Dann sind auch Räume wie die Internatszimmer, die Aula oder der Speisesaal zu sehen, die Besuchern sonst verschlossen bleiben.

Doch es lohnt sich, den Komplex auch auf eigene Faust zu erkunden. Die Entdeckungstour beginnt man am besten mit einem Spaziergang um das Hauptgebäude herum. Dafür folgt man zunächst dem schmalen Weg zwischen den Lehrerhäusern und dem Haupteingang hinter die Gebäude. Hier lässt sich schön nachvollziehen, wie harmonisch Meyer und sein Partner Wittwer die Gebäude in die natürliche Landschaft einfügten und um einen kleinen See gruppierten. Zur Schule gehörte auch bereits damals ein großer Sportkomplex mit Schwimmbad. Nach einer umfassenden Sanierung lädt das Freibad Waldfrieden heute wieder von Mai bis September zum Baden ein.

Foto: Christoph Petras, 2011. Bauhaus Kooperation.
Wintergarten der ADGB-Gewerkschaftsschule in Bernau, Architektur: Hannes Meyer und Hans Wittwer, 1928

Text Teil4

Ein Stück weiter des Weges fällt der Blick auf einen Wintergarten. Er war in den 1950er-Jahren – wie auch die charakteristischen Schornsteine des Eingangsgebäudes – den umfassenden Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen zum Opfer gefallen. Im Rahmen der Sanierung des Gebäudekomplexes in den Jahren 2002 bis 2007 konnte Sanierungsarchitekt Winfried Brenne den Bauherren schließlich von der räumlichen Qualität und der Bedeutung des Wintergartens für das Gesamtgebäude überzeugen. Heute ist hier die Kantine des Internats untergebracht und erfreut sich bei den heutigen Nutzern besonderer Beliebtheit. Denn welche Schule kann schon einen Speisesaal mit Seeblick vorweisen? Im Rahmen der Führungen des Baudenkmal-Vereins kommen auch externe Besucher in den Genuss dieses besonderen Ausblicks.

Der Außenrundgang endet an eine kleiner Türe am letzten Wohnhaus. Dort verbindet ein langer Glasgang die einzelnen Wohnhäuser mit dem Gemeinschaftstrakt und dem Schultrakt mit Sporthalle. Hier könnten sich zukünftig nicht nur die Internatsbewohner und Bauhaus-Entdeckungsreisende begegnen, sondern auch internationale Künstler, Designer und Kuratoren. Im August 2016 soll erstmals eine internationale Sommerschule zum Thema „Universalism“ auf dem Areal stattfinden.

Zum Bauhaus Jubiläum 2019 plant der Verein „baudenkmal bundeschule bernau“ zudem ein reichhaltiges Programm. Spätestens dann wird dieser Bauhaus-Schatz im Kiefernwald kein Geheimtipp mehr sein. Ob das Freibad Waldfrieden dann so überfüllt sein wird wie der nahegelegene Liepnitzsee? Bauhaus-Entdeckungsreisende sollten sich also unbedingt schon in dieser Badesaison, die am 14. Mai offiziell startet, auf den Weg machen.

Hannes Meyer – Ein Portrait [2015]

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Alternativer Text
"Hannes Meyer – Ein Portrait". Ein Film von Leef Hansen, Valentin Heller, Franziska Schiegl und Hannah Boose. Produziert vom Department für Medien und Kommunikation der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Auftrag des BDA Landesverbandes Sachsen-Anhalt für den Hannes-Meyer-Preis 2015.