Die Geschichte von
Haus Lange &
Haus Esters

Das Villenensemble Haus Lange und Haus Esters in Krefeld gehört zu den architektonischen Juwelen des Neuen Bauens in Deutschland. Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969), bis heute einflussreicher Architekt der Moderne, hat die beiden Privathäuser von 1927 bis 1930 entworfen und gebaut.

Mies van der Rohe und Krefeld

Sie entstanden zu einer Zeit des Aufbruchs, die als die legendären Goldenen Zwanziger Jahre gelten. Frauen trugen Bubikopf, der Film Metropolis von Fritz Lang entführte in eine grausam schöne Zukunft, und Josephine Baker tanzte nackt den Charleston. Die Neue Sachlichkeit gab mit ihrem realistischen und zugleich ordnenden Blick auf die Wirklichkeit den Ton in Kunst, Design und Architektur an. Durch einen Bauboom entstanden in Berlin, Frankfurt oder Dessau Wohnsiedlungen und Privathäuser im neuen, funktionalen, sogenannten Internationalen Stil. Das Bauhaus war eine lebendige Ideenschule und ein Experimentierfeld in dieser Zeit – vor allem auf den Gebieten der freien und angewandten Kunst, der Gestaltung, der Architektur und der Pädagogik.

Mies van der Rohe und Krefeld

Es war der Textilfabrikant Hermann Lange (1874–1942), der den noch jungen Architekten Mies van der Rohe nach Krefeld holte. Er und sein Freund Josef Esters (1884–1966) gehörten beide dem Vorstand des Vereins deutscher Seidenwebereien (VerSeidAG) an. Lange war zudem Mitglied im Deutschen Werkbund und unterstützte als Kunstsammler die Bemühungen der Krefelder Museumsdirektoren Friedrich Deneken (1857–1927) und Max Creutz (1876 – 1932), aktuelle Kunst, Handwerk und Wirtschaft zusammenzubringen. Wohl über den Berliner Galeristen Carl Nierendorf lernten sich Hermann Lange und Ludwig Mies van der Rohe 1927 kennen.
Über einige Jahre hinweg arbeitete Mies van der Rohe intensiv für Krefeld: Für die VerSeidAG entwarf er mit Lilly Reich die Messestände „Samt & Seide“ (Berlin 1927) und „Deutsche Seide“ (Barcelona 1929). 1930/31 entstand mit dem Färberei- und Herrenfutterstoffe-Gebäude der VerSeidAG das einzige, auch heute noch existierende Fabrikgebäude Mies van der Rohes. Nicht realisiert wurden die Entwürfe eines Clubhauses für den Krefelder Golfclub (1930), eines Privathauses für Ulrich Lange (1934/35) und eines Büro- und Versandhauses für die Verseidag (1937/38). Keine andere europäische Stadt wurde auf diese Weise von Mies van der Rohe geprägt.

Kunstmuseen Krefeld, Foto: Volker Döhne
Krefeld, Haus Lange, Westansicht

Die Entstehungsgeschichte von Haus Lange und Haus Esters

1927 erstellte der Architekt einen Grundriss für Haus Esters. Dieses Vorprojekt war der Ausgangspunkt für einen intensiven Dialog mit den beiden Bauherren. Der Entwurf wurde den jeweils individuellen Bedürfnissen der Familien angepasst.
Der erste Plan zeigt einen radikal offenen Grundriss und eine Glaswand, die das Gebäude mit dem Garten vereinen sollte. Die Ideen waren visionär, doch die Bedürfnisse der beiden Krefelder Familien dem Alltag und ihrem gesellschaftlichen Anspruch geschuldet. So entstanden zwei Häuser, die auf den ersten Blick sehr ähnlich sind, im Detail jedoch viele Unterschiede aufweisen. Einzelne Raumfunktionen wie die Halle als öffentlicher gesellschaftlicher Ort erinnern noch an Wohnstrukturen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, an den Salon. Modern und funktional mutet beispielsweise der Personaleingang an, der unmittelbar neben dem Haupteingang liegt.

Kunstmuseen Krefeld, Foto: Volker Döhne
Krefeld, Haus Esters, Gartenseite

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Die Konstruktion der Backsteinvillen wird durch zahlreiche Stahlträger unterstützt, die zu einem großen Teil waagerecht in den Böden des ersten Geschosses liegen. Um ein vollständig autonomes Stahlgerüst handelt es sich dabei nicht. Die Backsteinhaut selbst übernimmt keine tragende Funktion. Das Stahlträgergerüst gab dem Architekten dennoch die Möglichkeit, Wände relativ frei zu setzen und große Fensteröffnungen zu schaffen. So konnten einzelne kubische Baueinheiten entstehen, die Schachteln gleichen. Im Inneren greifen die Raumsegmente ineinander über und deuten den für Mies van der Rohe typischen offenen Grundriss an – auch wenn die Räume durch Türen getrennt werden konnten. Zur Straßenseite hin wirken die Gebäude relativ geschlossen und kompakt. Auf der Rückseite staffeln sich die kubischen Elemente treppenstufenförmig, ausgehend von der schmalsten Seite im Westen nach Osten, wo das Bauvolumen deutlich zunimmt. Die Materialsprache wird vom Backstein im Außenbereich, von unterschiedlichen Hölzern (Eiche, Nussbaum, Makassar), Travertin und weißen Wänden im Inneren bestimmt. Die beiden Häuser wurden bis 1930 fertig gestellt. Dabei hat Ludwig Mies van der Rohe nicht nur die Architektur entwickelt, sondern auch zusammen mit seiner damaligen Partnerin Lilly Reich (1885–1947) zahlreiche Details im Inneren gestaltet.

Kunstmuseen Krefeld, Foto: Volker Döhne © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Krefeld, Haus Lange, Esszimmer

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Vom Türgriff und der Fenstermechanik über Deckenleuchten, Verkleidungen für die Heizkörper und Regalvitrinen, die in die Wand eingelassen sind, bis zu einem Möblierungskonzept war alles aufeinander abgestimmt. Für die Präsentation von Kunst in den privaten Räumen hatten Mies van der Rohe und Reich ein spezielles System aus umlaufenden Stangen und Hängeleisten sowie Sockeln aus Travertin entworfen.

Die Häuser stehen durch die großen Fensteröffnungen im Dialog mit der sie umgebenden Natur. Die beiden Gärten mit den unterschiedlichen Baum- und Pflanzenbeständen und dem Bereich des Nutzgartens wurden ebenfalls von Mies van der Rohe entwickelt. Die Anlage, die heute beide Gärten vereint, ist nach dem Vorbild des englischen Landschaftsgartens ausgerichtet. Pflanzengruppen geben Sichtachsen auf die Häuser frei, die Wegeführung umläuft das Grundstück und eine künstliche Terrassierung ermöglicht einen Überblick über das Gelände.

Kunstmuseen Krefeld, Foto: Volker Döhne © VG BILD KUNST BONN
Krefeld, Haus Esters, Esszimmer in Richtung Halle und Kinderzimmer

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Als Ludwig Mies van der Rohe an den beiden Privathäusern in Krefeld von 1927 bis 1930 arbeitet, erlebt er einen ersten Höhepunkt in seiner Karriere. 1927 hat er gerade seine Arbeit an der Bauausstellung des Deutschen Werkbundes „Die Wohnung“ in Stuttgart (Weißenhofsiedlung) abgeschlossen. Zur Weltausstellung in Barcelona entwickelte er seine wohl radikalste Vision eines offenen, vom Material bestimmten Gebäudes, den Ausstellungspavillon des deutschen Beitrags, heute bekannt als Barcelona-Pavillon. Parallel arbeitete er an der Villa Tugendhat in Brünn (heute Brno, Tschechien). Hier kann der Architekt viele visionäre Ideen, die er für die Häuser Esters und Lange ebenfalls angedacht hatte, Realität werden lassen. Gelernt hatte Mies van der Rohe bei Bruno Paul und Peter Behrens in Berlin. Als letzter Direktor sollte er 1933 das Bauhaus in Berlin schließen. Mit der Gründung seines Chicagoer Büros 1938 und seinen Hochhäusern, konstruiert aus Modulen, Rastern und Vorhangfassade, begann schließlich seine internationale Karriere in den Vereinigten Staaten.
Unmittelbar neben Haus Esters, auf der ehemaligen Nutzgartenfläche, befindet sich ein Sommerhaus mit einer eigenen Geschichte. Es gehört zu den ersten vorfabrizierten „Fertig“-Häusern der Weimarer Zeit.

Kunstmuseen Krefeld, Foto: Volker Döhne © VG Bild-Kunst, Bonn
Krefeld, Haus Lange, Halle und Essbereich

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Die Konzeption entwickelte ein bislang noch unbekannter Architekt für die Deutschen Werkstätten Dresden-Hellerau. 1923 wurde es in seinen Einzelteilen an Josef Esters geliefert und vor Ort auf einem gemauerten Untergeschoss installiert. Somit stand es bereits, als die Bauarbeiten zu Haus Esters 1928 einsetzten. Es diente der Familie Esters zunächst als kleines Sommerhaus und später als Gartenhaus. Mies van der Rohe integrierte das kleine verwunschene Häuschen in sein Gartenkonzept – schließlich hatte seine Frau Ada Bruhn doch einige Zeit zusammen mit der Tänzerin Mary Wigman in der Gartenstadt Hellerau gewohnt.
Die Häuser Lange und Esters stehen seit 1984 und das Sommerhaus seit 2007 unter Denkmalschutz. Durch eine Privatinitiative Krefelder Bürger und gefördert durch das Land Nordrhein-Westfalen konnten die beiden Häuser zwischen 1998 und 2000 umfassend saniert werden. Im Zuge der „Euroga 2002+“ schloss sich zwei Jahre später eine Pflege der Gärten an, so dass die Anlage heute wieder den ursprünglichen Plänen angenähert ist. Gefördert durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat erfolgte von 2016 bis 2019 eine neuerliche Sanierung der beiden Häuser, Gärten und des Sommerhauses nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten.

Kunstmuseen Krefeld, Foto: Volker Döhne
Krefeld, Haus Lange, Gartenseite

Haus Lange und Haus Esters als Museum

Seit 1955 wird Haus Lange und seit 1981 auch Haus Esters als Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst durch die Kunstmuseen Krefeld genutzt. Ulrich Lange (1905–1972), Sohn des Bauherrn Hermann Lange, schenkte 1968 in einer großzügigen Geste der Stadt Krefeld sein Haus, um damit diesen Ort für zeitgenössische Kunst in Krefeld fest zu installieren.

1961 nimmt im Haus Lange eine ortsspezifische Ausstellungstradition ihren Anfang, die bis heute fortgesetzt wird. Yves Klein inszenierte im Haus mit seinen monochromen Bildern und Skulpturen Farbräume in Blau, Gold und Rosa. Ein Raum der Leere sollte den Besucher zudem in einen Zustand der Offenheit und Sensibilität führen. Seither haben sich Künstler*innen und Designer*innen immer wieder auf unterschiedliche Weise mit der Architektursprache der Moderne, dem privaten Haus als öffentlichem Ort, der Familiengeschichte und den gesellschaftlichen Zusammenhängen der Häuser oder dem Dialog zwischen Architektur und Natur auseinandergesetzt. Um 1970 entstanden zum Teil spektakuläre ortsbezogene Projekte von Christo, Hans Haacke, der Architektengruppe Haus-Rucker-Co, Richard Long oder Fred Sandback. In jüngster Zeit haben John Baldessari, Rosella Biscotti, Jasmina Cibic, Elmgreen & Dragset, Alicja Kwade oder David Reed Werke und Projekte in situ geschaffen. Die Geschichte der Kunst spiegelt sich an diesem Ort auf besondere Weise wider. Während in den Räumen von Haus Lange und Haus Esters ständig neue Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst zu sehen sind, zeigt die umliegende Parkanlage dauerhaft installierte Skulpturen.

Es vermitteln zehn im Garten aufgestellte skulpturale Arbeiten einen intimen Blick auf wegweisende bildhauerische Ansätze der vergangenen vier Jahrzehnte, angefangen mit einem Werk von Richard Long aus dem Jahr 1969. Zu den weiteren Werken gehören Skulpturen von u. a. Claes Oldenburg, Richard Serra und Ulrich Rückriem.

Heute sind zwei Künstlerräume fest mit Haus Lange verbunden und können auf Nachfrage besichtigt werden: Le Vide (1961) von Yves Klein und Dark Room (2018) von Elmgreen & Dragset. Die Künstlerin Andrea Zittel hat das Sommerhaus mit ihrer ortsspezifischen Installation aus einem Tisch, einer Bank und Hockern 2019 zu einem Ort der Begegnung gemacht.

Credit

Dieser Artikel wurde von den Kunstmuseen Krefeld verfasst.

Über Mies

Erfahren Sie mehr über das Leben, Wirken und Umfeld Ludwig Mies van der Rohes (1886–1969), der von 1930 bis 1933 als Direktor am Bauhaus in Dessau war und als überragende Figur der deutschen Avantgarde-Architektur gilt.

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Stiftung Bauhaus Dessau. © Peter Jan Pahl