IBA Thüringen entwickelt LeerGut

Wenn man durch Thüringens Kleinstädte und Dörfer spaziert, sieht man sie immer wieder: leere Gebäude, verblichene Schilder und vergilbte Gardinen. In dem zu 90% ländlich geprägten Bundesland mit seinen etwa 2,1 Millionen Einwohnern lebt rund die Hälfte der Menschen in Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern.

Text Teil1

Trotz vielfältigen privaten Engagements und langjähriger öffentlicher Förderung gibt es massenhaft leerstehende Immobilien, über 45.000 leerstehende Wohn- und Nichtwohngebäude, die das Ortsbild prägen. Die drei größeren Städte in der Landesmitte – Erfurt, Weimar, Jena – wachsen. Die Folge, wie bei anderen sogenannten Schwarmstädten auch: wachsender Druck auf dem Wohnungsmarkt und bei gewerblichen Immobilien. In unmittelbarer Nähe aber ringen Kommunen seit Jahren um eine lebendige Stadtmitte, den Erhalt baukulturellen Erbes und öffentlicher Infrastrukturen.
Das Paradox von wachsenden und schrumpfenden Standorten in direkter Nachbarschaft hat nicht nur in Thüringen vielfältige Gründe. Strukturwandelprozesse im Arbeitsleben werden verstärkt durch den allgemeinen Bevölkerungsrückgang und Umzugsprozesse zum attraktiveren Arbeits- und Wohnort. Die Folgen für kleine Gemeinden sind schwerwiegend. Junge Leute ziehen weg, die öffentlichen Dienste und Leistungen wie Schulen und Gesundheitseinrichtungen werden in den Zentren zusammengezogen, das kulturelle Leben und eine urbane Vielfalt im Stadtraum sind nur mit Mühe aufrecht zu erhalten.

Leerstehende Immobilie in Thüringen.
Leerstehende Immobilie in Thüringen.

Text Teil2

Zweifellos bildet der Leerstand eine Masse hochspezifischer Problemfälle. Anders herum betrachtet bietet sie jede Menge Raum für gute Ideen. Kein Wunder also, dass zahlreiche Vorhaben, die die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen verfolgt, neue Strategien für den Umgang mit Leerstand experimentieren, egal, ob bei der Umnutzung von Kirchen, der Entwicklung einer neuen Sommerfrische im Schwarzatal oder der Wiederbelebung der Domäne gleich hinter den Dornburger Schlössern.
Die IBA Thüringen betrachtet leere Bestandsgebäude als finanzielle, kulturelle, energetische und bauliche Ressource. Sie sind leer und gut – das ergibt LeerGut. Das Kreislaufdenken in der Architektur definiert eine Reihenfolge vom Erhalt über das Umdenken und den Umbau bis zum Baustoffrecycling. Dieser Pfad gilt als ökologisch wie ökonomisch sinnvoll.

Seit 1994 weitestgehend ungenutzt bietet der Eiermannbau über 6.000 Quadratmeter und ein zwei Hektar großes Grundstück zur Nutzung.

Text Teil3

Beim Eiermannbau in Apolda wird die IBA Thüringen selbst zum Träger und entwickelt so eine Ikone der Industriemoderne in Apolda. Seit 1994 weitestgehend ungenutzt bietet der Eiermannbau über 6.000 Quadratmeter und ein zwei Hektar großes Grundstück zur Nutzung. Die IBA Thüringen aktiviert das denkmalgeschützte Gebäude unter ihrem Leitmotto ‚Wie wenig ist genug?’ und schließt damit an Eiermanns Entwurfsprinzipien des Um- und Weiterbauens an. Die LEG Thüringen erwarb im Dezember 2017 den Eiermannbau und stellt es der IBA Thüringen für die Entwicklung der Open Factory mit einem Modell der Anhandgabe bis 2023 zur Verfügung. In diesem kooperativen Vorgehen liegen wichtige Erfolgsvoraussetzungen für die Aktivierung von Leerstand: Zeit verschaffen, Ideen ausprobieren, Mitstreiter gewinnen.

Hotel Zur Linde im Schwarzatal – Trotz vielfältigen privaten Engagements und langjähriger öffentlicher Förderung gibt es massenhaft leerstehende Immobilien, über 45.000 leerstehende Wohn- und Nichtwohngebäude, die das Ortsbild prägen.

Text Teil4

Neben einem langen Atem braucht Leerstandsaktivierung vor allem gute Ideen, andere Nutzungs- und Baustandards, die Investitionen und Mietpreise gering halten, und überzeugte Macher. Daher gründete die IBA Thüringen das Netzwerk der LeerGut-Agenten. Sie sollen Initiativen bei der Projektentwicklung leerstehender Häuser unterstützen, Erfahrungen und Strategien austauschen und weitergeben und Lobbyarbeit in den kleinen Gemeinden des Landes machen. Leerstandsaktivierung ist eine gemeinschaftliche Aufgabe, oft initiiert von Persönlichkeiten, Gruppen und zivilgesellschaftlichen Kräften, die mit ihrem Einsatz einen enormen Mehrwert für das Gemeinwohl erzeugen und so die Thüringer Provinz vielfältig beleben.