Anything Goes?
Berliner Architekturen der 1980er Jahre

Berlin | Ausstellung | bis 16.8.2021
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In Berlin gibt es eine einzigartige Dichte bemerkenswerter Gebäude und Stadtquartiere aus den 1980er Jahren, deren Bedeutung und Aktualität es nach mehr als 30 Jahren zu überprüfen gilt. Die vielfältige und bunte Architektursprache stellte bisherige Vorstellungen einer modernen Lebenswelt in Frage.

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Gerne mit dem Etikett der „Postmoderne“ versehen, kennzeichnet sie die Verwendung von Bautypen und Stilmitteln der Vergangenheit sowie die Erprobung alternativer Lebensweisen in der Großstadt. Die Planungen waren zumeist Beiträge für die Internationale Bauausstellung 1984/87 (IBA West) und die Bauausstellung 1987 (Ost), die weit über die Stadtgrenzen hinaus wahrgenommen wurden. Bereits zur Entstehungszeit als kunstvolle Fehlgriffe und für ihre ästhetische Beliebigkeit – anything goes – kritisiert, sind diese wichtigen Zeugnisse heute verschwunden, überformt oder vom Abriss bedroht.
Anhand von rund 300 Grafiken, Modellen, Fotografien, Gemälden, Filmen und Tastmodellen untersucht die Ausstellung erstmalig Ost- und Westberliner Bauten und Visionen, die im letzten Jahrzehnt vor dem Mauerfall entwickelt wurden. Inhaltliche Schwerpunkte sind Großprojekte wie etwa der Weiterbau der Wohnsiedlung in Marzahn, der Aufbau des Nikolaiviertels und des Gendarmenmarkts, die Erneuerung innerstädtischer Altbauquartiere und die Errichtung identitätsstiftender Denkmäler und Erinnerungsstätten. Sie zeichnen beispielhaft das Spannungsfeld aus globalen und lokalen Anforderungen nach, in dem sich die Architekt*innen bewegten.

Foto: © Roman März (abgebildete Werke: © Isa Melsheimer)
Ausstellungsansicht, Anything Goes? Berliner Architekturen der 1980er Jahre, Berlinische Galerie, 17.3. – 16.8.2021

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Dabei wird deutlich, dass der politische Systemwettstreit auch auf dem Gebiet von Architektur und Städtebau dazu führte, dass Ost und West auf je eigene Weise dasselbe Ziel verfolgten: die Errungenschaften der modernen Stadt mit lokalen Kulturen, Traditionen und humanen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Die zeitgenössische Intervention „Times are hard, but postmodern“ von Isa Melsheimer holt mit verschiedenartigen künstlerischen Darstellungen die Architekturen der 1980er Jahre in die Gegenwart.

Die Guerilla Architects präsentieren Ergebnisse eines dialogischen Projekts: In einer Installation lädt das Kollektiv dazu ein, Berliner Wohnhäuser aus den 1980er Jahren über Begegnungen mit den heutigen Bewohner*innen neu zu entdecken. Audio- und Fotoaufnahmen gewähren Einblicke in private Aneignungen, Wahrnehmungen und Gestaltungen von geplantem Raum.

Foto: © Phil Dera
Spitteleck, Guerilla Architects, „Revisited. Zu Besuch in Wohnhäusern der 80er Jahre“

Berliner Stadtbilder im Film der 1980er Jahre

Fünf Filme geben Einblick ins West-Berlin der 1980er Jahre. Auf unterschiedlichste Weisen dokumentieren, kommentieren und reflektieren sie die sonderbare Atmosphäre der eingeschlossenen, teils noch brach liegenden Stadt. Das Motiv der Mauer zieht sich wie ein roter Faden durchs Programm. Sie riegelt die Stadt ab, macht sie aber auch zur Insel für alternative Lebensformen und zum Refugium einer lebendigen Subkulturszene, in der sich politischer Aktivismus, Musik und Filmkunst gegenseitig befruchten.

„Jeder, der damals nach Berlin kam, mußte sich mit der Mauer auseinandersetzen. Für mich war klar, sie muß brennen“. Nach einer Idee Kain Karawahns ließen er und der Journalist Tom Skapoda (Tom Kummer) 1984 die Mauer in Flammen aufgehen. In einer Nacht- und Nebel-Aktion legten sie an drei Orten des Grenzstreifens Feuer: am Potsdamer Platz, in der Stresemannstraße und am Landwehrkanal in Kreuzberg. Gefilmt auf VHS wird die Aktion in Karawahns Montage zu einer Choreographie aus tanzenden Flammen und einem filmischen Dokument aus der „Hauptstadt der Brandstifter“.

1988 konzipierte Cynthia Beatt eine besondere filmische Fahrradtour. Sie wählte eine Reihe von Orten entlang der 160 km langen Grenze aus, an der die junge Tilda Swinton entlangradelt und so die Insel West-Berlin scheinbar einmal umrundet. „Cycling the Frame“ bezieht sich sowohl auf den Filmkader als auch auf den ‚Rahmen‘ der Stadt, die Mauer. Sie ist das titelgebende Thema und das Strukturprinzip des Films: Nach und nach passiert Swinton alle vier Besatzungszonengrenzen. Sie startet am Brandenburger Tor, durchquert grüne Vorstadtidylle und graue Hochhauswüsten. Immer wieder schaut sie über die Aussichtsplattformen nach Ost-Berlin. Der omnipräsenten Betonwand, die für die Bewohner*innen längst Alltag geworden ist, begegnet die junge Britin mit Neugier und Befremden. „Oh Mauer, oh Mauer, oh Mäuerchen. Es wäre lustig, wenn du fallen würdest, und die Leute könnten über dich hinweg treten und ihren Geschäften nachgehen.“ Schon ein Jahr später sollte sich diese Prophezeiung erfüllen. Damit ist „Cycling the Frame“ nicht zuletzt ein außergewöhnliches zeithistorisches Dokument.

Der „Städtefilm Berlin-West“ der Punkband und Künstler*innengruppe Die Tödliche Doris führt uns durch West-Berlin wie durch einen Tourist*innenprospekt. Die Arbeit entstand als einer von 18 Städtefilmen, die die Gruppe zwischen 1982 und 1984 produzierte. Sie bat die Veranstalter*innen ihrer Konzerte, ein jeweils 6-minütiges Filmportrait der Stadt zu drehen, in der die Performance stattfinden sollte. Als Drehbuch sollte der aktuell populärste Stadtführer dienen. Im „Städtefilm Berlin-West“ reihen sich in amateurhaft anmutenden Super-8-Bildern Sehenswürdigkeiten aneinander: Philharmonie und Staatsbibliothek, Siegessäule, Gedächtniskirche, die Flaniermeile des Ku’Damms. Humorvoll konterkariert wird dieses weltstädtische Image West-Berlins durch die Tonspur von der Konzertaufführung 1983. Zu hören sind die ironisch klingende Stimme des Bandgründers Wolfgang Müller, der die Bilder während des Konzerts live kommentierte. Die rhythmisch klappernden Schritte des Bandmitglieds Tabea Blumenschein, die auf der Bühne mit Zeigestock auf die erwähnten Motive weist, ergänzen das Gesagte.

Ein ganz anderes, abseitig erscheinendes Berlin zeigt Ulrike Ottingers „Usinimage“. Aufnahmen von Industriearchitektur und Stadtlandschaften werden montiert mit Spielfilmszenen aus Ottingers Berlintrilogie: „Bildnis einer Trinkerin“ (1979), „Freak Orlando“ (1981) und „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ (1984). Ausgewählte Drehorte der drei Filme wurden für „Usinimage“ dokumentarisch neu gefilmt und mit den entsprechenden Spielfilmszenen unterschnitten, um dieselbe Landschaft neu zu akzentuieren. So entstand eine Auseinandersetzung mit der Stadtarchitektur, in der der Drehort nicht nur als Folie dient, sondern selbst mit zum Inhalt wird. Durch statische Aufnahmen, selektiven, verdichteten Sound und grotesk-theatrale Elemente der Spielfilmsequenzen werden bekannte und weniger bekannte Berliner Schauplätze künstlerisch verfremdet. So erscheinen beispielsweise das Olympiastadion oder der Bunker in der Kreuzberger Fichtestraße zeitlos-poetisch und dem konkreten Ortskontext enthoben.
Entstanden war „Usinimage“ im Auftrag des TV-Senders LaSept. Gewünscht waren kleine Filme, die nicht über Berlin berichten, sondern die Präsenz der Stadt spürbar machen. Sie sollten „Regards de Berlin“ (Grüße aus Berlin) an die Französ*innen sein.

Harun Farockis „Stadtbild“ greift ein zentrales Thema der Ausstellung auf. Anhand von Gebäude- und Stadtfotografien und in Gesprächen mit Architekturhistoriker*innen und Fotograf*innen untersucht Farocki, wie sich das Verhältnis der Menschen zu alter und neuer Architektur im Laufe der Nachkriegsjahrzehnte gewandelt hat. Zentraler Bezugspunkt ist das Buch „Die gemordete Stadt“ (1964) von Elisabeth Niggemeyer und Wolf Jobst Siedler, das gegen die Errungenschaften modernen Bauens antrat und den Weg für die Wiederentdeckung städtischer Bautraditionen ebnete. „Das Buch hat mit Bildern und mit einer Bildlichkeit argumentiert. Es hat das Alte gegen das Neue gesetzt und hat meine Bewertung, und nicht nur meine, geändert. Auf einmal erschien das Alte liebenswert, fantasievoll, poetisch. Und das Neue, das war die bildliche Trostlosigkeit“, klingt Farockis Stimme aus dem Off. Wie das Buch argumentiert auch der Film mit Bildern und greift Themen auf, die in den 1970er und 1980er Jahren das Nachdenken über Architektur wesentlich prägten: den Zusammenhang zwischen Stadt und Erinnerung, Architektur und Identität, Bauten und Bildlichkeit.


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Architekt*innen, Künstler*innen (Auswahl)

Raimund Abraham (1933–2010) · Hinrich Baller (*1936) · Inken Baller (*1942) · Cynthia Beatt (*1949) · Sibylle Bergemann (1941-2010) · Hélène Binet (*1959) · Gianni Braghieri (*1945) · Wolf R. Eisentraut (*1943) · Christian Enzmann (*1951 ) · Bernd Ettel (*1949) · Harun Farocki (1944–2014) · Guerilla Architects · Hardt-Waltherr Hämer (1922-2012) · John Hejduk (1929-2000) · Josef Paul Kleihues (1933-2004) · Michael Kny (*1947) · Hans Kollhoff (*1946) · Dorothea Krause (*1935) · Rob Krier (*1938) · Isa Melsheimer (*1968) · Peter Meyer (*1953) · Kjell Nylund (*1939) · Frei Otto (1925-2015) · Manfred Prasser (1932–2018) · Aldo Rossi (1931-1997) · Günter Stahn (1939-2017) · Solweig Steller-Wendland (1942-2019) · Helmut Stingl (1928-2000) · James Stirling (1926-1992) · Peter Stürzebecher (1941-2012) · Karl-Ernst Swora (1933-2001) · Oswald Mathias Ungers (1926-2007) · Thomas Weber (*1953) · Michael Wilford (*1938)

Anything Goes? | 17.3.–16.8.2021

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124–128 | 10969 Berlin

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Mi–Mo 10–18 Uhr
Di geschlossen
Eintritt 10 € | ermäßigt 7 €
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