Die ganze Welt ein Bauhaus

ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: A. Körner, bildhübsche Fotografie, Institut für Auslandsbeziehungen

Im Juni 2018 feierte die Schau ihre Premiere in Buenos Aires und geht anschließend auf Tournee durch Argentinien und Mexiko, ehe sie 2019 am ZKM in Karlsruhe zu sehen ist.

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Das Staatliche Bauhaus wurde 1919 in Weimar gegründet. Zwischen dem Aufbruchsgeist der Weimarer Republik und der Dämmerung des Nationalsozialismus‘ avancierte die Schule in nur 14 Jahren zum Symbol moderner Gestaltung und avantgardistischer Lebensführung.
Der Titel ist programmatisch. »Die ganze Welt ein Bauhaus« ist ein Zitat des Bauhausschülers und -lehrers Fritz Kuhr (1928). Es spielt auf die Auflösung der Grenzen zwischen Kunst, Handwerk und Technik, wie sie der Bauhaus-Gründer Walter Gropius proklamiert, an. Alles ist Design – und die Schaffung einer modernen Umgebung kreiert auch den modernen Menschen.

 

Von 1919–1933: Das Bauhaus in acht Kapiteln

Die Schau beleuchtet das Bauhaus in acht Kapiteln, die sich auf die Jahre 1919 bis 1933 konzentrieren: »Das Schwebende« zeigt nicht nur, wie sich die Bauhäusler motivisch mit der Schwerelosigkeit beschäftigten, sondern wie Glas und Skelettbau die Architektur entmaterialisierten und der Stuhl als Luftsäule zum visionären Entwurfsziel wurde. Das Kapitel »Experiment« stellt Objekte vor, welche sowohl das Ergebnis einer Material- und Raumforschung waren, die auf Maß, Proportion und Befragung der Materialgrenzen, aber auch auf Vervielfältigung und Serialität angelegt waren. Das »Gesamtkunstwerk« nimmt die Synthese aller Künste, aber auch von Kunst und Wissenschaft sowie von Kunst und Gebrauchsgegenstand in den Blick. Unter der Überschrift »Gemeinschaft« zeigen zentrale historische Objekte die Feste und das Leben am Bauhaus. Dass das Bauhaus nicht nur linksutopisch ausgerichtet war, wird im Kapitel »Der neue Mensch« deutlich. Hier werden Menschenbilder präsentiert, die sich auch in politisch-radikalen, weltanschaulichen Ausrichtungen bewegten. Während »Kunst, Handwerk, Technik« die Werkstätten und ihre Produkte präsentiert, zeigt »Radikale Pädagogik« Aufbau und Lehre am Bauhaus. Transkulturelle Bezüge werden in der Sektion »Begegnungen« deutlich, die am Bauhaus durch Vorträge, zahlreiche Besucher aus aller Welt, völkerkundliche Bestände in der Bauhaus-Bibliothek in Weimar, aber auch in der Suche nach neuen Formen erkundet wurden.

Adresse & Öffnungszeiten

ZKM | Zentrum für Kunst und Medien
Lorenzstraße 19
76135 Karlsruhe
​Tel: +49 (0) 721 - 8100 - 0
E-Mail: info@zkm.de

Öffnungszeiten
Mo, Di geschlossen
Mi - Fr 10 - 18 Uhr
Sa - So 11 - 18 Uhr

Die Ausstellung ist vom 26.10.19 bis zum 16.02.20 zu sehen.

ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: A. Körner, bildhübsche Fotografie, Institut für Auslandsbeziehungen
Unbekannt Gleichtgewichtsstudie aus dem Vorkurs von László Moholy-Nagy 1934 Holz, Plexiglas, Rekonstruktion 1967
ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: A. Körner, bildhübsche Fotografie, Institut für Auslandsbeziehungen
Breuer, Marcel: Stuhl B5 1926

Modernen weltweit

Im zweiten Teil werden diese Themen aufgenommen und ihre Rezeption in einem globalen Kontext dargestellt. Hier fungierte der Titel als Forschungsauftrag an KuratorInnen und Wissenschaftlerinnen. »Die ganze Welt ein Bauhaus?« zeigt Fallstudien aus Mexiko-Stadt, Buenos Aires, Casablanca, Santiago de Chile, Moskau, Stuttgart und den USA. Nicht die Migrationsgeschichte nach der Schließung des Bauhauses 1933 steht hier im Vordergrund, sondern die Aneignung und transkulturellen Bezüge während der 1920er-Jahre. So erforscht diese Abteilung globale Verbindungen innerhalb der Moderne, durch die das Bauhaus an Bedeutung gewann. Dadurch wird deutlich, dass es keine exklusive Unternehmung war, sondern es in vielen Gegenden der Welt Avantgarden gab, die sich als Motoren einer gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Neuentwicklung verstanden und das Bauhaus aus der jeweils eigenen Perspektive betrachteten und in seine Diskurse integrierten.

ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: A. Körner, bildhübsche Fotografie, Institut für Auslandsbeziehungen
Tapetenfabrik Emil Rasch bauhaus-behangsels, Werbeblatt für die Niederlande 1932
ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: A. Körner, bildhübsche Fotografie, Institut für Auslandsbeziehungen
Meyer, Hannes (Hrsg.) „studiert am bauhaus!“, bauhaus. zeitschrift für gestaltung, 2/3 1928

Schweben und Schwebendes zeigten sich am Bauhaus in verschiedener Ausprägung. Man findet sie als Motive in der Architektur, bildenden Kunst sowie als Metapher für einen modernen Lebensentwurf. 

Als Marcel Breuer 1926 in seiner Collage »Ein Bauhaus-Film« die Entwicklung seiner Sitzmöbel demonstrierte, stand am Anfang der »Afrikanische Stuhl«, der 1921 am Bauhaus in Weimar entstanden war. Als Endpunkt und zukünftiges Ziel in dieser Reihe, präsentierte Breuer einen sitzenden Menschen, schwebend auf einer »federnden Luftsäule«. Stahlrohrmöbel wie Breuers und Ludwig Mies van der Rohes Freischwinger sind Vorstufen dieser Sehnsucht nach Entmaterialisierung.

Seit der Eröffnung des Bauhausgebäudes 1926 in Dessau fotografierten sich viele Bauhäusler in einer Weise, dass der Eindruck entstand, sie würden schweben – oder wären kurz davor abzuheben. Fernab jeglicher Schwere erscheint auch der Entwurf von Mies für ein »Hochhaus in Glas und Eisenbeton« von 1923, das aufgrund seiner Transparenz sich aufzulösen scheint. Ein Phänomen, welches auch das Dessauer Bauhausgebäude von Walter Gropius, besondere nachts erleuchtet, vermittelte. Schon 1923 hatte Gropius erklärt:

»Mit zunehmender Festigkeit und Dichtigkeit der modernen Baustoffe (Eisen, Beton, Glas) und mit wachsender Kühnheit neuer schwebender Konstruktion wandelt sich das Gefühl der Schwere, das die alten Bauformen entscheidend bestimmte.«
Walter Gropius 

Dort, im Dessauer Bauhausgebäude, waren immer wieder »schwebende plastiken« der Studierenden aus dem Vorkurs von Moholy-Nagy zu bestaunen, die für den Bauhaus-Meister wertvolle Vorstufen zur »im höchsten maße vergeistigten form«, nämlich zu »kinetischen plastiken« darstellten.

Kurator: Boris Friedewald

Von Anfang an war die »Gemeinschaft« am Bauhaus ein viel beschworener Begriff.

Bereits im ersten Programm der Hochschule vom April 1919 betonte Walter Gropius, dass es das Ziel sei, »Architekten, Maler und Bildhauer aller Grade je nach ihren Fähigkeiten zu tüchtigen Handwerkern oder selbständig schaffenden Künstlern [zu] erziehen und eine Arbeitsgemeinschaft führender und werdender Werkkünstler gründen [zu wollen].« 

Neben dieser Arbeitsgemeinschaft war für ihn die Lebensgemeinschaft von Meistern und Studierenden wichtig, so dass er sie ebenfalls im Bauhausprogramm hervorgehoben hatte. Sie sollte in der gemeinsamen Freizeitgestaltung, in den Bauhausabenden und den legendären Bauhausfesten Ausdruck finden. Eben diese Arbeits- und Lebensgemeinschaft betonte auch Ludwig Mies van der Rohe 1932 als Bauhausdirektor, als das Bauhaus kurz vor seiner Schließung in Dessau stand:

»Es gibt in Deutschland und der Welt keine Bildungsstätte, die man dem Bauhaus an die Seite stellen könnte. Gerade in den letzten zwei Jahren ist das Verhältnis zwischen Lehrern und Lernenden in Dessau zu einer weit innigeren Zusammenarbeit gediehen als sie an irgendeiner anderen deutschen Hochschule erreicht werden kann.«
Ludwig Mies van der Rohe 

Dabei hatte auch sein Vorgänger, Hannes Meyer, das kooperative bzw. kollektive Zusammenarbeiten aller Kräfte am Bauhaus zum wesentlichen Leitbegriff gemacht. Bei alledem wurde die Gemeinschaft am Bauhaus durch sich separierende Grüppchen am Bauhaus immer wieder auf die Probe gestellt, wie zum Beispiel durch die sektiererische Mazdaznan-Gemeinschaft um Johannes Itten am frühen Bauhaus, aber auch durch kommunistische Gruppen während der Ära Hannes Meyer und Mies van der Rohe. Und schließlich war die von Gropius von Anfang an verkündete »Gleichberechtigung der Geschlechter« nicht immer selbstverständlich und musste während der gesamten Bauhauszeit in der Gemeinschaft stets von neuem ausgelotet werden.

Kurator: Boris Friedewald

Von Anbeginn war das Bauhaus bestrebt, auf seine Aktivitäten außerhalb Deutschlands aufmerksam zu machen – auch um Studierende aus aller Welt für die Ausbildung am Bauhaus zu gewinnen.

So waren 1929 von den Bauhausstudierenden 140 deutscher Herkunft und 30 kamen aus dem Ausland, darunter aus der Schweiz, aus Polen, aus Russland, Lettland, Holland, den USA, Palästina, der Türkei, Persien und Japan. Aber auch die Bauhaus-Erzeugnisse hatten von Anfang an ihren Platz in der Welt: 1922 gab es Verkaufsstellen in Wien, Amsterdam, Leicester und den USA, die Produkte aus den Werkstätten anboten. Darüber hinaus präsentierte sich das Bauhaus weltweit in Ausstellungen. So zum Beispiel 1922 mit Bildern von Meistern und Studierenden in Kalkutta, gemeinsam mit zeitgenössischen indischen Malern. 1929 auf einer Wanderausstellung mit Erzeugnissen des Bauhauses, die u.a. in Basel, Zürich und Breslau zu sehen war. Im selben Jahr wurden auch Arbeiten aus den Bauhaus-Werkstätten auf der Weltausstellung in Barcelona gezeigt und 1930 in einer Wanderausstellung in den USA (Harvard, Cambridge und New York) und der Weltausstellung in Barcelona. 1931 präsentierte Hannes Meyer dann die erste Bauhaus-Ausstellung in Moskau, die sich auf die Zeit 1928–1930 konzentrierte, in denen er Bauhausdirektor war.

Zugleich besuchten internationale Persönlichkeiten aus Kunst- und Geistesleben das Bauhaus, darunter Solomon Guggenheim und Marcel Duchamp. Manch einer dieser Gäste trat als Vortragender oder Gastdozent auf, darunter die Komponisten Béla Bartók, Henry Cowell, der Sufi-Meister Murschid Inayat Khan oder Naum Gabo und El Lissitzky. Diese Besuche zeugen von der Weltoffenheit und dem transkulturellem Bewusstsein des Bauhauses, das stets auch in Lehre und Arbeit einfloss und sich nicht einzig zwischen »Indienkult« und »Amerikanismus« bewegte, wie Oskar Schlemmer 1921 feststellte.

Kurator: Boris Friedewald

Im Programm des Staatlichen Bauhauses 1921 in Weimar verkündete Walter Gropius die Erschaffung eines Gesamtkunstwerkes:

»Das Bauhaus erstrebt eine Sammlung alles künstlerischen Schaffens zur Einheit, die Wiedervereinigung aller werkkünstlerischen Disziplinen – Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk – zu einer neuen Baukunst als deren unablöslichen Bestandteile. Das letzte, wenn auch ferne Ziel des Bauhauses ist das Einheitskunstwerk – der große Bau – in dem es keine Grenze gibt zwischen monumentaler und dekorativer Kunst.«

Wenn auch der »große Bau«, orientiert an der mittelalterlichen Dombauhütte, stets Utopie blieb, so näherte sich das Bauhaus doch in mehreren Projekten dem Anspruch eines Gesamtkunstwerkes: 1921 waren Studierende am »Haus Sommerfeld« von Walter Gropius und Adolf Meyer im Berlin an der Ausgestaltung beteiligt. 1923 arbeiteten zahlreiche Meister und Studierende, darunter aus der Weberei-, Tischlerei-, Metall- und der Keramik-Werkstatt, gemeinsam für das vom Maler und Bauhausmeister Georg Muche »Versuchshaus am Horn«. Walter Gropius´ 1926 eröffnetes Bauhausgebäude und die Meisterhäuser in Dessau sind ebenfalls gesamtkünstlerische Werke, bei denen Meister und Studierende zusammenarbeiteten und Produkte der Werkstätten einsetzten. Der Anspruch, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, zeigt sich auch in der Arbeit der Bühnenwerkstatt. So in den expressionistischen Bühnenwerken Lothar Schreyers am Weimarer Bauhaus, welche Sprache, Gestik, Farbe und Plastik radikal miteinander verbanden. Auch die Theaterkonzepte von László Moholy-Nagy, wie zum Beispiel die »Partiturskizze zu einer mechanischen Exzentrik: Synthese von Form, Bewegung, Ton, Licht (Farbe) und Geruch« haben den Charakter eines Gesamtkunstwerkes bzw. »Gesamtwerkes«, wie es Moholy-Nagy formulierte.

Kurator: Boris Friedewald

Es war die Aura des Neuen, des Aufbruchs nach dem Ersten Weltkrieg, welche die Bauhaus-Akteure von Anfang an proklamierten. Schnell waren die Bauhäusler für ihr unkonventionelles Auftreten bekannt, zu dem nicht nur die Bubikopf-Frisur und der kameradschaftliche Umgang zwischen Männern und Frauen gehörten, sondern auch einige Bauhaus-Familien mit Ehen ohne Trauschein.

Schon im Mai 1919 schrieb der Maler und Bauhausmeister Lyonel Feininger an seine Frau Julia: »Was ich bis jetzt von den Schülern gesehen habe, sieht sehr selbstbewusst aus. Sie haben fast alle Jahre im Felde gestanden. Es ist ein ganz neuer Menschenschlag. Ich glaube sie wollen alle etwas Neues in der Kunst und sind nicht mehr so ängstlich und harmlos.«

Wie der neue Mensch jedoch aussehen könnte, welche Werte und Fähigkeiten ihn auszeichnen sollten, wurde während der gesamten Existenz des Bauhauses kontrovers diskutiert: von Johannes Itten, der durch Körper- und Atemübungen sowie vegetarische Ernährung die Selbsterkenntnis jedes Einzelnen fördern wollte; in der Bühnenarbeit Oskar Schlemmers, in welcher jede Figur über den »Typenkörper« hinaus im Verhältnis von Körper zu Raum erforscht wurde; in Malerei und Fotografie, in der durch Abstraktion, Verzerrung oder Collage neue Menschenbilder entworfen wurden; in den Bestrebungen einer »Weltrevolution« der Studierenden der »kommunistischen Fraktion« unter Direktor Hannes Meyer, der sich selbst als »wissenschaftlicher Marxist« verstand. Die Arbeit am Bauhaus zielte auf zeitgemäße Produkte für eine neue, auch zukünftige Generation ab. Für den Kunstkritiker Adolf Behne zeigte sich das in der Architektur des Bauhausgebäudes von Walter Gropius:

»Hier in dem neuen Bau des Dessauer Bauhauses kommt einmal stark und rein zum Ausdruck (…): das ein neuer Typ Mensch und ein neues Verhältnis dieses Menschen zur Welt Ausgangspunkt und zugleich Zielpunkt der neuen Baubewegung ist.«
Adolf Behne

Kurator: Boris Friedewald

Das Bauhaus gilt heute als eine der innovativsten und prägendsten Kunstschulen des 20. Jahrhunderts. Dabei war der Gründer Walter Gropius sicher, dass »Kunst an sich nicht lehrbar sei, wohl aber das Handwerk«.

Deshalb bildeten am Bauhaus die Werkstätten für Wandmalerei, Metall, Weberei und Tischlerei das Herzstück der Ausbildung für Lehrlinge und Gesellen und setzten sich deutlich von den klassischen Akademien ab. Man errichtete zunächst die Gold-Silber-Kupfer-Schmiede (später Metallwerkstatt), die grafischen Druckerei, die Buchbinderei und die Weberei. 1920 wurden dann die Werkstätten für Keramik, Glasmalerei, Wandmalerei sowie Holz- und Steinbildhauerei gegründet. 1921 folgten die Tischlerei- und Bühnenwerkstatt. Die Werkstätten wurden gemeinsam von einem »Werkmeister« für das Handwerkliche und einem »Formmeister« für formal-gestalterische Anliegen geleitet. Wer als Studierender eine Ausbildung in einer Werkstatt beginnen wollte, musste zunächst den Vorkurs erfolgreich absolvieren. Der Vorkurs sollte die schöpferischen Fähigkeiten der Studierenden entwickeln, sie von Konventionen und von Vorstellungen bisheriger Stilbewegungen befreien.

Der Architekt Hannes Meyer, der 1928 als neuer Bauhausdirektor antrat, organisierte den Lehrplan neu, fasste einige Werkstätten zusammen, erhöhte die Studienzeit, holte zahlreiche Gastdozenten und organisierte Vorträge von Wissenschaftlern am Bauhaus. Nachdem Ludwig Mies van der Rohe 1930 als Direktor des Bauhauses berufen wurde, war es den Studierenden je nach Vorbildung möglich, ohne den bisher obligatorischen Vorkurs an einer Ausbildung am Bauhaus teilzunehmen. Nun wurde sehr viel Theorie vermittelt und die Studiendauer deutlich verkürzt. Bei seinem Antritt als Direktor im Jahr 1930 bekannte Mies: »Ich will keine Marmelade, nicht Werkstätten und Schule, sondern Schule«.

Kurator: Boris Friedewald

Gleich mit seiner Gründung war das Bauhaus – vor allem aus konservativen Regierungs- und Bürgerkreisen – mit dem Vorwurf konfrontiert, Meister und Studierende würden nur experimentieren, ja die ganze Institution sei nur ein Experiment.

Wollten die Kritiker das Bauhaus mit solchen Aussagen diskreditieren, war das Experimentieren für die Bauhäusler tatsächlich ein bewusstes und bestimmendes Prinzip neben Lehre und Theorie. Denn man war sich sicher: Das Neue, nach dem man hier nach dem Ersten Weltkrieg intensiv suchte, kann nur im Experimentieren entstehen. Experiment, das bedeutete keine wissenschaftliche Versuchsanordnung, sondern freies, spielerisches Probieren, wie es im Vorkurs des Bauhauses von jedem Studierenden erkundet wurde.

Zur großen Bauhaus-Ausstellung 1923 präsentierte das Bauhaus in einer vielfältigen Schau die Ergebnisse seiner Experimente, darunter ein gebautes »Versuchshaus« sowie »Reflektorischen Farblichtspiele« der Studierenden Ludwig Hirschfeld-Mack und Kurt Schwerdtfeger.

Als das Bauhaus 1925 nach Dessau umzog, wo die Werkstätten nun »Laboratorium-Werkstätten« hießen, wurde bald die Kleinschreibung in Briefen, Prospekten und der hauseigenen Zeitschrift eingeführt.

In Dessau experimentierte Marcel Breuer mit gebogenem Stahlrohr, um Möbel daraus zu formen, und Oskar Schlemmer hatte im Bauhausgebäude endlich eine eigene »Versuchsbühne« für seine Bühnenexperimente. Schließlich die Fotografie: Nirgendwo wurde am Bauhaus außerhalb des Unterrichts so hemmungslos experimentiert wie mit dem Fotoapparat und der Entwicklungstechnik, dank der Kleinbildkamera, die hier zahlreiche Bauhäusler besaßen.

»Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!« hatte Walter Gropius im Bauhaus-Manifest von 1919 gefordert. Deshalb war das Ziel zunächst, jeden Studierenden ein Handwerk in einer der Werkstätten erlernen zu lassen.

Anfang 1922 stellte sich in der Herstellung der Werke die Frage nach Einzelstück- oder Serienproduktion. Den entscheidenden Richtungswechsel verkündete Gropius 1923 mit der neuen Parole »Kunst und Technik – eine neue Einheit«, der die weitere Zukunft des Bauhauses entscheidend prägte. Im Katalog der großen Bauhausausstellung 1923 in Weimar erklärte Gropius, dass das Bauhaus keine Handwerkerschule sei und bewusst die Verbindung mit der Industrie suche. So sollten verstärkt Prototypen und Standards entwickelt werden, die sich für die industrielle Serienproduktion eigneten. Erste Ergebnisse dieses Bestrebens waren die aus wenigen Teilen bestehenden, sich oft auf Elementarformen beziehenden funktionalen Erzeugnisse, wie zum Beispiel die Teekombinationskanne von Theodor Bogler, der »Lattenstuhl« von Marcel Breuer, die legendäre »Bauhausleuchte« von Carl Jakob Jucker und Wilhelm Wagenfeld sowie das Bauhaus-Schachspiel von Josef Hartwig. 1925 brachte das Bauhaus Dessau den »Katalog der Muster« heraus, in dem die Eigenerzeugnisse zur Bestellung angepriesen wurden. Nicht nur das Bauhaus selbst wurde durch die Einnahmen aus dem Verkauf unabhängiger von öffentlichen Fördergeldern – auch die Studierenden waren am Erlös ihrer Entwürfe und an dem Verkauf von Lizenzen beteiligt und konnten damit einen Teil ihrer Lebenshaltungskosten bestreiten.

Unter dem Direktorat von Hannes Meyer, der »Volksbedarf statt Luxusbedarf« propagierte, entstand das erfolgreichste Standardprodukt des Bauhauses: die Bauhaustapeten, deren Entwürfe in einem Wettbewerb unter den Studierenden ausgewählt wurden.

Kurator: Boris Friedewald

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