Urbane Landschaften

Reutlingen | Ausstellung | bis 31. Januar 2021
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Die Ausstellung Urbane Landschaften. Stadt und Architektur in der Kunst auf Papier von Max Beckmann bis Wolfgang Mattheuer zeigt Druckgraphiken aus der Sammlung des Kunstmuseum Reutlingen von Künstlerinnen und Künstlern, die sich in ihrem Schaffen mit dem Phänomen von Stadt als architektonischem und sozialem Gebilde auseinandersetzen. Die Kunstwerke erlauben außergewöhnliche Sichtweisen auf eine gebaute Landschaft, die sich ständig verändert, erneuert, erweitert und modifiziert und sich immer wieder den Bedürfnissen der Bevölkerung anpasst.

Jean-Luc Nancy
„Die Stadt in der Ferne“

„Mit ihren Tentakeln ist die Stadt irgendwann aus der kommunalen Stadt mit ihren Schutzmauern ausgetreten: die Tentakeln sind heute netzförmig, spinnennetzförmig; sie verbinden, indem sie Städte und Landschaften auflösen, aus ihnen eine brüchige Wucherung machen, wo jeder Knoten, jede Schleife des Kommerziellen, der Serviceleistungen und der Verwaltung oder der Zirkulation sich vervielfältigen, und schon vorher in immer mehr Öffnungen und Fugen einer schwammartigen Materie eindringen, sei sie breiig oder körnig, und die Mutation des städtischen Gewebes erwirkt, seine gewaltsame Zerreißung, Wiederverwebung, Ausfransung, alles zugleich. Die Stadt ist eine zersplitterte Totalität.“

Zitat aus: Jean-Luc Nancy „Die Stadt in der Ferne – Teil 2“,
in: Jenseits der Stadt, Berlin 2011

Text

Früher galt: Was außerhalb der Stadtmauern liegt, ist ländliches Gebiet. Doch der Holzschnitt Sturmbock – Der große Brand (1965) von HAP Grieshaber, der das mittelalterliche Reutlingen in Flammen zeigt, verweist bereits auf das Ende dieser Trennung von intra muros und extra muros. In der Neuzeit und später im Zuge der Industrialisierung hat eine schleichende Verstädterung stattgefunden. Vorstädte breiteten sich entlang von Verkehrswegen ins Zentrum aus. Neue Siedlungen entstanden, die einer neuen Gesellschaft Wohn-, Arbeits-, Freizeit- und Konsummöglichkeiten anboten. Max Beckmann hat mit „Vorstadt-morgen“ (1920) das triste Leben in Wohnhäusern am Stadtrand festgehalten, so wie fast ein Jahrhundert später auch Jan Brokof in seinem Holzschnitt Am Horizont Polen (2009) den sehnsuchtsvollen Blick aus einem Hochhaus dargestellt hat. Gebaute Welten – urbane Landschaften – haben ganz andere soziale und ökonomische Qualitäten als die unberührte Natur, wie sie in der Romantik als Sehnsuchtsort idealisiert wurde. In den kleinformatigen Graphiken von Hannah Höch und Lyonel Feininger kann man beobachten, wie auch organische Formen und Stadtkulissen einer abstrakten, geometrischen Formensprache unterworfen werden.

Foto: Frank Kleinbach © VG Bild-Kunst, Bonn 2020.
Ausstellungsansicht „Urbane Landschaften. Stadt und Architektur in der Kunst auf Papier von Max Beckmann bis Wolfgang Mattheuer“, Kunstmuseum Reutlingen / Spendhaus, 2020.

Text

Einkaufsstraßen mit Schaufenstern und gläserne Bürogebäude sind mittlerweile fester Bestandteil von Innenstädten. Menschen, die entweder schlendernd die Konsumgüter in den Auslagen betrachten oder geschäftig zum nächsten Termin eilen, spiegeln sich in den glatten Fassaden wider. Reflexionen, welche die beiden Künstler Winand Victor und Katsutoshi Yuasa eingefangen haben. Sich verzweigende Straßen, Treppen, Plätze, Unterführungen, Passagen, Parkanlagen – wer sich in den Innenstädten bewegt, kann sich leicht wie in einem Labyrinth verirren, körperlich, aber auch metaphysisch. Wer ungewohnte Wege in seiner Heimatstadt sucht, entdeckt oft völlig neue Seiten in einer vertrauten Umgebung. Nicht zuletzt auch, weil ein unermüdlicher Umbauprozess im Gange ist: Im Untergrund müssen die Kanalisationen gewartet, Rohre und Leitungen ausgetauscht werden, Straßen werden aufgerissen, Häuser abgerissen und neu errichtet, ganze Quartiere umfunktioniert und neugestaltet. Auf die Zerstörung folgt stets der Neuanfang – die Möglichkeit, den städtebaulichen Diskurs weiterzutreiben und Themen wie Rekonstruktion, Umbau, Ausbau und Reformen und Gentrifizierung innerhalb der Gesellschaft zu diskutieren.

Foto: Frank Kleinbach © VG Bild-Kunst, Bonn 2020.
Ausstellungsansicht „Urbane Landschaften. Stadt und Architektur in der Kunst auf Papier von Max Beckmann bis Wolfgang Mattheuer“, Kunstmuseum Reutlingen / Spendhaus, 2020.

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Die Menschen teilen sich in der Stadt einen urbanen Erfahrungs- und Handlungsraum – durch soziale und leibhaftige Begegnungen auf den Straßen, Plätzen, in Bahnhöfen und Gebäuden – durch den Austausch untereinander bildet sich erst die Gemeinschaft. Durch die weltweite Ausbreitung der Corona-Pandemie sind genau diese Orte plötzlich zur Gefahrenzone geworden. Bilder von Menschen, die im Fensterrahmen Kontakt zur Außenwelt suchen, wie bei Werner Wittig oder Philipp Hennevogl wurden in den letzten Monaten von den Medien verbreitet. Dem Individuum blieb der Blick aus dem Fenster auf die Welt. Schmerzlich musste die Gesellschaft feststellen, was es heißt, den öffentlichen Raum zu verlieren, in dem politisches Handeln möglich ist. Der Bürgersteig, der Marktplatz, der Busbahnhof, der Fußball- oder der Spielplatz in der Wohnsiedlung sind Orte, wo sich Städterinnen und Städter als Teil einer Gemeinschaft wahrnehmen können und soziale Bindung zwischen Menschen hergestellt werden kann. Wir erfahren mit einer Dringlichkeit wie selten zuvor: „Raum ist nicht mehr länger ein abstraktes Konzept; er ist real und existenziell.“ (Zitat aus: Andres Lepik und Marjetica Potrc: „Städte im Wandel“, in: Architektonika, Berlin: 2013)

Foto: Frank Kleinbach © VG Bild-Kunst, Bonn 2020.
Ausstellungsansicht „Urbane Landschaften. Stadt und Architektur in der Kunst auf Papier von Max Beckmann bis Wolfgang Mattheuer“, Kunstmuseum Reutlingen / Spendhaus, 2020.

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Ergänzt wird die Sammlungspräsentation mit Architekturmodellen. Es handelt sich um Eingaben vom Büro gmp für den diesjährigen Wettbewerb Postareal, vom Büro Trojan für die Ausschreibung City Nord (2010) und vom Büro Hinrichs und Wilkening die Eingabe für den Wettbewerb Bruderhausgelände (2007).

Mit Werken aus der Sammlung des Kunstmuseum Reutlingen von
Gerhard Altenbourg, Gerd Arntz, Heiner Bauschert, Max Beckmann, Julius Bissier, Roger Bitterer, Jan Brokof, Eduardo Chillida, Otto Dix, Lyonel Feininger, Christoph Feist, HAP Grieshaber, Sabina Grzimek, Claas Gutsche, Philipp Hennevogl, Hannah Höch, Karl-Horst Hödicke, Gottfried Honegger, Gabriela Jolowicz, Wolfgang Mattheuer, Martin Noël, Ana Strika, Kaspar Toggenburger, Rob Voerman, Winand Victor, Werner Wittig, Katsutoshi Yuasa

Urbane Landschaften
04.10.2020 – 31.01.2021

Kunstmuseum Reutlingen | Spendhaus
Spendhausstraße 4 | 72764 Reutlingen

Di-​Sa 11-17 Uhr
Do 11-19 Uhr
So/Feiertag 11-18 Uhr
Montag/Heiligabend/Silvester geschlossen.

WBS70 – fünfzig Jahre danach.

Dresden | Ausstellung | bis 18.12.2020
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Mit der politischen Wende um 1989/90 endete nicht nur die Ära des sozialistischen Wohnungsbaus. Mittlerweile, 30 Jahre nach diesem historischen Umbruch, erregt dieses umstrittene architektonische Erbe jedoch immer mehr öffentliches Interesse. Künstler, Fotografen und Architekturhistoriker haben den Plattenbau als attraktives Sujet und Forschungsfeld entdeckt.

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