Bauhaus in Oldenburg – Zwischen Utopie und Anpassung

Auf der Bauhaus-Landkarte war Oldenburg bislang ein weißer Fleck. Jetzt nicht mehr: Im pinken Jubiläumskalender zum 100. Geburtstag wird die Ausstellung Zwischen Utopie und Anpassung – Das Bauhaus in Oldenburg (27. April bis 4. August 2019) als einer der Höhepunkte markiert. Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte zeigt, dass die wichtigste Designschule des 20. Jahrhunderts bis in die nordwestdeutsche Provinz ausstrahlte.

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Vor der Folie des ­Bauhauses mit seinen Menschen, Mustern und Meister­stücken werden Geschichten über Schicksale zwischen Aufbruch und Erfolg, zwischen Krieg und Neuanfang erzählt. Zu den Stilikonen der Meister gesellen sich Arbeiten jener vier Schüler aus der Region, die damals dem Aufruf folgten: „Junge Menschen kommt ans Bauhaus“.
„Das Landesmuseum gehörte Mitte der 1920er-Jahre zu den ersten Museen, die sich zum Ansatz dieser innovativen Ausbildungsstätte bekannten“, erläutert Direktor Prof. Dr. Rainer Stamm. Gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Gloria Köpnick hat er das Projekt entwickelt. Mit frischem Blick ­haben sie zunächst im Hausarchiv mehr als 40 Originalobjekte und Hunderte Blätter vergilbter Korrespondenz aufgestöbert.
     Und so wird im Augusteum ein Original-Bauhaus-­Manifest hängen, das Architekt und Schulgründer Walter Gropius (1883–1969) damals in 2000er-Auflage als Reklame drucken ließ. Das Zeitdokument – illustriert mit einer dieser typischen kristallinen Kathedralen Lyonel Feiningers – verkündet den Geist der neuen Experimentalakademie: die Bauten der Zukunft erschaffen sowie Handwerk und Kunst zu vereinen.

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Nachlass Hermann Gautel
Vier Bauhäusler (Hermann Gautel, Robert Lenz, Hin Bredendieck und Lony Neumann?), um 1929, Unbekannter Fotograf (Erich Krause?)

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Der erste Direktor des Landesmuseums Walter Müller-Wulckow (1886–1964) unterstützte diesen modernen Ansatz nicht nur mit Ausstellungen, sondern er kaufte auch Bilder, Plastiken und Kunsthandwerk für sich und die Sammlung. Gemeinsam mit der aufgeschlossenen „Vereinigung für junge Kunst“ und deren Vorsitzendem Ernst Beyersdorff zeigte Müller-Wulckow mit gebogenem Stahlrohr klare ­Alternativen zu Plüsch und Pleureusen. „Mit ihrem Ausstellungsprogramm war diese Vereinigung ein Hauptakteur im Transfer der Bauhaus-Ideen in die Region“, erklärt Gloria Köpnick, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts „Das Bauhaus in Oldenburg – Avantgarde in der Provinz“. Heute würde man sagen: Müller-Wulckow und Beyersdorff waren frühe Influencer, die dem interdisziplinären „Start-up“ ­Bauhaus für ein disruptives Change-Projekt eine Bühne in Niedersachsen boten.
Die Ankäufe von damals adeln heute diese Jubiläums­ausstellung mit großen Namen: Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky, Josef Albers, Marcel Breuer, Lyonel Feininger, ­László Moholy-Nagy, Paul Klee oder Marianne Brandt. ­Aktuell geht es jedoch nicht nur um das „Who’s who“ des Bauhauses, sondern mit mehr als 300 Exponaten von 21 Leihgebern aus mehreren Ländern um einen Bezug zum Nordwesten. „Der Klee kehrt nach fast 100 Jahren nach ­Oldenburg zurück“, erzählt Stamm begeistert über ein Bild mit gelben, blauen, grauen und braunen Quadraten und ­Dreiecken des Schweizer Künstlers und Bauhaus-Lehrers Paul Klee. Die Nationalgalerie in Berlin leiht es aus. Von der theaterwissenschaftlichen Sammlung der Kölner Universität kommen genau jene spartanischen Bühnenbildentwürfe von Bauhaus-Meister Moholy-Nagy, die schon 1930 von sich reden machten.

Sammlung Zweck&Form, Foto Sven Adelaide © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Marianne Brandt und Hin Bredendieck, Nachttischleuchte, Kandem Nr. 702, 1928-29

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     „Wir haben hier wirklich Geschichte und Geschichten zu erzählen“, meint Gloria Köpnick. Der spezielle Oldenburger Blick ergänzt die Sicht auf das Bauhaus per se. Und schließlich spiegelt sich die globale Bedeutung der Lehre in nie zuvor erzählten Biografien jener vier Männer aus der Region, die dort studierten. Nachgezeichnet werden die Lebens­wege von Hermann Gautel (1905–1945), Hans Martin Fricke (1906–1994), Karl Schwoon (1908–1976) und Hin Bredendieck (1904–1995) aus Ostfriesland. Mit detektivischem Spürsinn haben Rainer Stamm und Gloria Köpnick weltweit recherchiert.
    Selbst Experten überraschte, wie bislang die Rolle des ­gelernten Tischlers Hin Bredendieck in der Bauhaus-­Geschichte unterbelichtet blieb, der von 1927 bis 1930 in Dessau studierte. Die Oldenburger Forschung verlieh ihm Kontur. Bredendieck entwickelte gemeinsam mit Marianne Brandt, deren Tee-Extrakt-Kännchen alle Welt kennt, in der ­Metallwerkstatt etwa die Kandem-Lampe für Körting & Mathiesen. 1937 baute er noch Vitrinen in Oldenburg für einen Ausstellungsraum über die Luftfahrtpioniere ­Johann Schütte und Karl Lanz.
    Wie Gropius, Mies van der Rohe, Breuer, die Albers und andere emigrierte er aus Nazideutschland in die USA. 1937 holte ihn Moholy-Nagy an das New Bauhaus Chicago. Als Gründungsdirektor des Instituts für Industriedesign am Georgia Institute of Technology zählte er später in Amerika zu den einflussreichsten Lehrern und Botschaftern der Bauhaus-Ideen. Seine Familie ist von dem Oldenburger Projekt so begeistert, dass sie den Nachlass anreichte. Mitschriften von Schlemmer-Vorlesungen kehrten so nach Europa zurück.

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg
Cover Ausstellungskatalog "Zwischen Utopie und Anpassung – Das Bauhaus in Oldenburg"

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    Ganz anders Architekt Hans Martin Fricke: Zwar studierte er von 1922 bis 1925 in Weimar bei dem esoterischen Formmeister Johannes Itten, distanzierte sich aber vom Bauhaus. Er brachte es unter den Nationalsozialisten zu leitender Stellung in der Kulturadministration. Aus der Nachkriegszeit erinnern interessante Gebäude an ihn, wie die Ausstellung dokumentiert; darunter das transparente, reduzierte Ge­bäude der früheren Zentrale der Baufirma Ludwig Freytag.
Hermann Gautel, der nicht aus dem Zweiten Weltkrieg ­zurückkehrte, hatte schon Mitte der Zwanziger fantastisch den Bogen raus beim Stahlrohrstühle-Gestalten. Möbelgeschichte schrieb bekanntlich Marcel Breuer in Dessau 1925/26 mit dem „Wassily Chair“. Gautels Werk war nie in so konzentrierter Form zu sehen.
    Karl Schwoons Frauenporträt bezaubert durch sensibles ­Gespür für Linien. Nach dem Krieg gründete er die „galerie schwoon“ in Oldenburg. „Er organisierte modernste Ausstellungen und gestaltete den kulturellen Wiederaufbau der Bundesrepublik mit“, berichtet Gloria Köpnick. Obgleich Schwoon Müller-Wulckow für das Museum wieder Werke ­jener Künstler der Klassischen Moderne verkaufte, die von den Nazis als „entartet“ verschleppt worden waren, reichte es nicht zum Überleben. Er wechselte als Bild-Redakteur zur ­Illustrierten „Hör zu“.

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg
Hans Martin Fricke, Bürohaus Ludwig Freytag, 1954/55, Altburgstraße 17, Oldenburg

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    Die Geschichte der Frauen am Bauhaus ist erst in jüngster Zeit neu geschrieben worden. Marianne Brandt, von der Silber gezeigt wird, kannte man, auch Gunta Stölzel als erste Meisterin in der Weberei. Neu zu entdecken gilt es in der ­Ausstellung die Biografie und das Werk von Margarete Willers (1883–1977), die nicht – wie so viele Bauhäuslerinnen – ins ­Textile ab­geschoben wurde, sondern aus Passion webte. Sie studierte in Weimar und durfte in Dessau sogar ein eigenes Studio führen. Sie wurde zwar in Oldenburg geboren, lebte aber später nie in der Stadt. Die Malerin und Weberin unterrichtete etliche ­Jahre an der Folkwang-Schule in Essen. Ihre Materialmix-­Wandbehänge, von der Formsprache Paul Klees inspiriert, ergänzen die Facetten der präsentierten Wohnwelten. Besonders faszinieren jedoch Fotos, die eine extravagante Frau zeigen, die sich von keinem Korsett einengen ließ. Und wer weiß, vielleicht hat auch sie einmal mit Walter Müller-­Wulckow im Oldenburger Museum Kaffee getrunken und einen Hauch von Avantgarde aufblitzen lassen.

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Foto Sven Adelaide
Karl Schwoon, In Memoriam Bauhaus Dessau I, um 1972, Gouache und Acryl

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Dieser Artikel wurde von Sabine Schicke für das Kunstmagazin ARTMAPP (Frühjahrsausgabe 2019) verfasst.

ARTMAPP – Frühjahrsausgabe 2019

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