DIE RUINE UND DIE HAUPTSTADTFRAGE

Im verwüsteten Deutschland blickte man nach dem Krieg auf das anstehende 100. Jubiläum der Nationalversammlung. Die Planungen konzentrierten sich zunächst auf einen Festakt in der enttrümmerten Ruine. Doch gerade noch rechtzeitig erkannten die Verantwortlichen der Stadt die Signalwirkung, die eine wieder hergestellte Paulskirche für den demokratischen Neubeginn hätte. Oberbürgermeister Kurt Blaum (CDU) brachte dabei auch eine Nutzung als Versammlungsort für das künftige deutsche Parlament ins Spiel. Frankfurt machte sich wie Bonn Hoffnungen, Hauptstadt zu werden. Beide Städte bauten um die Wette. Sicherheitshalber beauftragte die Stadt Frankfurt den Architekten Gerhard Weber mit einer Alternative zur Paulskirche als Parlamentssitz. So entstand im Nordend ein zweiter Parlamentsbau, der nach der Entscheidung für Bonn zum Funkhaus des Hessischen Rundfunks umgebaut wurde.

DER PAULSKIRCHEN-WETTBEWERB, 1946

Zum Wiederaufbau der Paulskirche richtete die Stadt 1946 einen Wettbewerb unter den in Hessen lebenden Architekten aus. Unter Verwendung der Mauerreste sollte ein Raum entstehen, der sowohl als Gotteshaus wie auch als Tagungsraum genutzt werden konnte. Der erste Preis ging an Gottlob Schaupp. Sein Entwurf kam den Vorstellungen des Preisgerichts am nächsten, das sich gegen eine historische Kopie und für eine zeitgemäße Umgestaltung aussprach. Im Vergleich zum Vorkriegszustand verzichtete Schaupp auf die umlaufende Empore und brachte die obere Fensterreihe wieder zur Geltung. So betonte er die Schlichtheit und Monumentalität des Innenraums. Die anderen prämierten Entwürfe reichten von Galerien und Emporen über plastisch ausgestaltete Kuppeln bis hin zu einem großen eingezogenen Foyer. Das ursprüngliche Steildach sahen alle Preisträger vor. Das Echo blieb durchwachsen. Der Frankfurter Architekt Hermann Mäckler verurteilte den Großteil der Einreichungen, da er viele Bezüge zur nationalsozialistischen Formensprache erkannte. Ihren Zeichnungen nach zu urteilen waren die Architekten in seinen Augen „fast lauter SA-Männer“. Eher aus pragmatischen Gründen hielt auch das Preisgericht keinen der Entwürfe für baureif.

DIE PLANUNGSGEMEINSCHAFT PAULSKIRCHE

Noch im November 1946 arrangierte Stadtbaurat Eugen Blanck, dass der Kölner Kirchenbau-Spezialist Rudolf Schwarz den Wiederaufbau der Paulskirche gemeinsam mit dem Wettbewerbssieger GottlobSchaupp übernahm. Hinzu kamen noch der Frankfurter Architekt Johannes Krahn, der lange für Schwarz gearbeitet hatte, sowie Stadtbaurat Blanck selbst. Die sogenannte Planungsgemeinschaft Paulskirche war gegründet. Schaupp, Schwarz und Blanck hatten bereits in der Zeit des Neuen Frankfurt unter Ernst May gearbeitet bzw. an einzelnen Projekten mitgewirkt und waren sich dabei auch begegnet. Während der nationalsozialistischen Herrschaft arrangierten sich die vier Architekten unterschiedlich mit dem System. Schaupp stach dabei heraus, da er eine ästhetische (und politische) Verbundenheit mit dem Nationalsozialismus pflegte. Er löste sich von den Ideen des Neuen Frankfurt und errichtete Wohngebäude im deutschtümelnden Heimatschutzstil. Diese biografische Verstrickung wurde bereits kurz nach dem Wettbewerb bekannt und belastete die öffentliche Wahrnehmung der gesamten Planungsgemeinschaft.

GRUNDSTEINLEGUNG, SPENDEN UND DIE „REDE AN DIE DEUTSCHEN“

Der zügige Wiederaufbau der Paulskirche ist ein Symbol des demokratischen Neubeginns in der noch nicht gegründeten Bundesrepublik. Im zerstörten Frankfurt selbst erntete das Projekt angesichts der Wohnungsnot erst einmal Unverständnis. Um solcher Kritik zu begegnen, plante man, parallel die kriegszerstörte Friedrich-Ebert-Siedlung im Gallusviertel wieder aufzubauen, eingeläutet von einer doppelten Grundsteinlegung am 17. März 1947. Es blieben 16 Monate bis zur Jahrhundertfeier der Nationalversammlung. Weil Frankfurt ein solches Projekt allein nicht bewerkstelligen konnte, erklärte Oberbürgermeister Walter Kolb (SPD) die Paulskirche zur gesamtdeutschen Angelegenheit und bat um Sach- und Geldspenden – mit überwältigendem Erfolg. So kamen aus Thüringen drei mit Bauholz beladene Eisenbahnwaggons und aus dem benachbarten Offenbach Leder für die Bestuhlung. Sogar die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) spendete 10.000 Mark. Nur durch diese Unterstützung konnte am 7. November 1947 Richtfest gefeiert werden.  Die wieder aufgebaute Paulskirche wurde schließlich pünktlich am 18. Mai 1948 im Rahmen einer ganzen Festwoche eröffnet. Dazu reisten auch Vertreter aus der Sowjetzone nach Frankfurt und distanzierten sich öffentlich vom Wiederaufbau der Paulskirche, den sie mittlerweile als „Staffage für die Bildung eines Weststaates“ empfanden.Als Festredner kam der persönlich von Kolb eingeladene Schriftsteller Fritz von Unruh nach 16-jährigem Exil erstmals wieder nach Deutschland. In seiner „Rede an die Deutschen“ warnte er vor Untertanengeist und Mitläufertum und verurteilte die halbherzige Entnazifizierung. Er sprach derart leidenschaftlich, dass er zwischenzeitlich am Pult zusammenbrach und erst nach einer Pause fortfahren konnte.

Robert Mann Gallery, New York
Blick aus dem Regieraum in den Saal, 1948, Foto: Elisabeth Hase
Grafik: Feigenbaumpunkt
Schnitt durch die historische (1848) und die wieder aufgebaute Paulskirche (1948)
Grafik: Feigenbaumpunkt
Schnitt durch die historische (1848) und die wieder aufgebaute Paulskirche (1948)